Talent Press Sang-soo, der unerschütterliche

A Câmara de Blaire
A Câmara de Blaire | Pressefoto / Festival do Rio

Von Alexandra João Martins
In A Claire’s Camera geht der koreanische Regisseur seinen Weg der stilistischen Verfeinerung weiter.

„Wenn ich ein Foto von dir mache, bist du nicht mehr dieselbe Person“, sagt eine französische Lehrerin zu einem koreanischen Besucher in einem Restaurant im südfranzösischen Cannes. Das ist die zentrale Frage in Claire’s Camera. Der koreanische Regisseur Hong Sang-soo greift den alten Gedanken auf, dass Fotografie und das Kino als deren Erweiterung dem Menschen sozusagen einen Teil seiner Seele, wenn nicht raubt, so doch wenigstens beeinflusst.

Genau deshalb gesteht So Wansoo, der Besucher, nachdem er von der französischen Lehrerin porträtiert wurde, seiner Freundin, dass er sie nicht mehr liebt. Und genau deswegen bleibt Manhee, eine Filmproduzentin, die ebenfalls von Claire fotografiert wurde, zuversichtlich, obwohl sie gerade entlassen wurde.

Voller metalinguistischer Bezüge zeigt der Film Protagonisten, die in der Filmindustrie arbeiten. Außer Claire, der Lehrerin, und das nicht zufällig, da sie die einzige Person zu sein scheint, die als Amateurin die Realität bearbeitet und einfängt, um ihr eine neue Richtung zu geben. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet eine Person von außerhalb der Filmindustrie diese Rolle einnimmt, die ja eigentliche Bestimmung des Kinos ist.
 
Der Film nimmt noch andere Elemente des früheren Werks des Regisseurs auf: den Zufall als Motor für die Verknüpfungvon Mikrogeschichten, den Strand als ein Ort der Reflexion, Restaurants, Alkohol, die Boheme und Zigaretten als Orte der Destabilisierung. All dies eingebettet in Liebe und Lieblosigkeit und einen Schuss feiner Ironie.

Auf der formalen Ebene konsolidieren Pastellfarben, Totalen in der Seitenansicht und Zoomaufnahmen, die freigeben, was der Ton zuvor schon ankündigte, Sang-soos unerschütterlichen Stil. Manch einer mag behaupten, er drehe immer wieder denselben Film.

Aber ist es nicht diese einzigartige, eben wiedererkennbare Art zu arbeiten, die große Künstler ausmacht? Ganz gleich wie die Antwort ausfällt, steht Claire’s Camera auf kohärente Weise innerhalb eines für den Regisseur charakteristischen Prozesses der stilistischen Verfeinerung. Irgendwann in der Filmgeschichte werden wir einen Film von Sang-soo als einen Sang-soo erkennen wie wir heute in einer einzigen Einstellung einen Ozu wiedererkennen.