Talent Press Die Möglichkeit der Empathie

The Florida Project
The Florida Project | Pressefoto / Festival do Rio

In The Florida Project treibt Sean Baker sein Projekt weiter, Personen am Rand der Gesellschaft voller Zuneigung und Leichtigkeit zu filmen.
Von Felipe André Silva

Das ergreifendste Element in The Florida Project, dem neuen Film des Nordamerikaners Sean Baker, ist dessen tiefe Empathie, die den  Protagonisten, die sein Universum bevölkern, eine außergewöhnliche Freiheit einräumt. Der nach seinem auf einem iPhone gefilmten Tangerine bekannt gewordene Regisseur zeigt sein neues Werk auf 35 mm, ohne jedoch jene Leichtigkeit einzubüßen, die seinen Stil bislang prägte.

Angelegt in den „Wohn-Motels“ rund um das Areal von Disneyland in Orlando begleitet The Florida Project eine Gruppe armer Kinder, deren Existenz in Kontrast zu dem Luxus und Reichtum des Themenparks um sie herum steht.

Diese Routine – in der die Kinder in ihren Ferien nichts weiter zu tun haben, als sich in der Umgebung von Disneyland herumzutreiben – entwickelt sich wie ein großes Kinderspiel nicht nur der Protagonisten, sondern des Films an sich. Baker betreibt ein Spiel der Inszenierungen, in dem alle bei vollem Bewusstsein fabulieren.

Trotz des naturalistischen Tons, auf den der Film setzt, herrscht das Gefühl vor, dass ein Großteil der Handelnden (Regisseur, Kamera, Schauspieler, Nicht-Schauspieler) sich ihrer Existenz innerhalb eines Films sehr bewusst sind. Es geht also nicht um ein Bemühen um Metasprache, sondern um das reine Bewusstsein der Protagonisten, außerhalb zu stehen, ein Bewusstsein, das Baker nie zu verstecken versucht.

Als Fortsetzung eines vom Regisseur in den 1990er Jahren angefangenen ästhetischen und thematischen Projekts, als er begann, voller Dringlichkeit und Zuneigung Marginalisierte zu filmen, stellt dieser Film nun einen seltenen Moment dar, in dem die Beobachtung der Marginalisierten sich völlig frei von einem „Bestrafung“ fordernden Beigeschmack darstellt, wie man ihn aus den amerikanischen Filmen von Crash bis Preciosa auf das Übelste und insbesondere gegen schwarze Protagonisten gerichtet kennt, was hier ebenfalls nicht der Fall ist.

Zugleich geht es aber auch nicht um die Romantisierung der Schwierigkeiten im Leben dieser Kinder, die dem Bankrott der amerikanischen Utopie ausgesetzt, gezwungen sind, mit Gewalt und Ausbeutung zu leben, die das erwachsene Universum um sie herum unaufhörlich verbreitet.