Talent Press Der verängstigte fremde Blick

Praça Paris
Praça Paris | Pressefoto / Festival do Rio

Praça Paris bewegt sich vom Drama zum Thriller und betont unversöhnliche Unterschiede zwischen den Protagonistinnen.
Text von Felipe Ribeiro

Zu Fado-Klängen beginnt Praça Paris mit einer offenen Totale über eine ruhige portugiesische Landschaft und etabliert damit den fremden Blick, den Camila (Joana de Verona), eine junge weiße Psychologin, auf Brasilien werfen wird.

Sie taucht ein in die Stadt Rio de Janeiro und beginnt mit Glória (Grace Passô) zu arbeiten, einer schwarze Frau aus der Favela Morro da Providência, deren Vergangenheit von Gewalt und Missbrauch gezeichnet ist. Die soziale Ungleichheit und die unterschiedlichen Erfahrungen der beiden sind die Basis des Ganzen. Neben der Hautfarbe wird der Unterschied zwischen den beiden durch parallel montierte Alltagserfahrungen dargestellt: Camila verbringt die Zeit mit ihrem Freund, Glória besucht ihren Bruder im Gefängnis. Nicht zufällig ist die friedliche Begegnung zwischen den beiden nur an der Universität UERJ möglich, geografisch zwischen dem reicheren Stadtteil Zona Sul und dem Morro da Providência gelegen. Die Stadt spielt eine wichtige Rolle in der wachsenden Paranoia der Handlung.

Praça Paris entwickelt sehr ausbalanciert die Geschichte der beiden Protagonistinnen, so dass der Zuschauer sich für beide gleichermaßen interessiert. Daher klingt es seltsam, dass der Spielfilm von Lúcia Murat es beim Filmen der Sexszene an Sorgfalt fehlen lässt. Während das weiße, europäische Paar, deren Körper gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sehr nahe betrachtet wird, scheint das schwarze Paar seine Körper, die als außerhalb der Norm angesehen werden, zu verstecken .

Dennoch gelingt es dem stimmigen Drehbuch und der sicheren Regie, dass der Film sich selbstverständlich vom Drama zum Thriller entwickelt. Dabei fällt die Präzision der schnelleren Schnitte ins Auge. Die eingeschnittenen Handyvideos von alltäglichen Gewaltszenen in Rio sind stark und gestatten dem Betrachter ein Nachdenken über die ständig verfügbare Bilderflut in der heutigen Welt. Innerhalb des Films dienen diese auch, um der Portugiesin Camila Angst einzujagen.

Ihre Albträume werden auf die Leinwand übertragen und die Close-ups ihrer Patientin Glória akzentuieren ein Unbehagen des Betrachters ebenso wie der Psychologin. Mit der Angst verliert Camila ihre Fähigkeit zur Empathie und lässt ihren Rassismus  hervortreten. Ein anderes Ende wäre für Praça Paris auch nicht vorstellbar.