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Piazza Vittorio
Piazza Vittorio | Pressefoto / Festival do Rio

In Piazza Vittorio taucht die humanistische Kamera des “Punk”-Filmemachers Abel Ferrara ein in ein aufgewühltes Europa
Von Francisco Noronha

Nur die Unaufmerksamsten werden übersehen, dass unter all der (emotionalen, körperlichen) Gewalt, die einen Großteil der Filmografie Abel Ferraras kennzeichnet, stets ein ungeheuer humaner Blick auf die Menschen, ihre Laster und Fehler wohnt. Es ist also keine „Zähmung“, die wir in Piazza Vittorio sehen, der immer noch eine Reflexion über Gewalt ist, nun aber die diskursive, kulturelle, xenophobe, durch die der Filmemacher die Veränderungen der italienischen Hauptstadt untersucht.

Der berühmte Platz in Rom ist der Ausgangspunkt für Ferraras Reflexion über ein ganzes Land und, darüber hinaus, über Europa und die bewegten Zeiten, die es durchlebt. An diesem Ort, an dem sich Hunderte Einwanderer treffen, wo früher ein riesiger Markt für die ausschließlich „einheimische“ Bevölkerung war, beginnt der Film plötzlich mit einer wild gegen den Anderen schimpfenden Alten, ein Statement, im dem paradigmatisch sowohl die Trump’sche Rhetorik, als auch die obszönen Kommentare sozialer Netzwerke widerhallt.

Ferrara, halb Italiener, halb Amerikaner, lässt in einer intelligenten historischen Verbindung dieser Eingangsszene Archivbilder des römischen Platzes folgen, zum Klang eines amerikanischen Lieds, das die Wanderschaft des amerikanischen Volks in den 30er Jahren nach Kalifornien auf der Suche nach einem besseren Leben besingt und so einen Dialog mit der bestechenden Art und Weise anregt, wie John Ford 1940 The Grapes of Wrath filmte. Es ist im Grunde derselbe Parallelismus, latent in dem Dialog, den der Filmemacher selbst mit einem nigerianischen Einwanderer führt, als er ihm sagt, dass er genauso wie er selbst hier auf dem Platz stehe, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und Kunst zu machen (ein Vergleich, der deswegen ethisch nicht weniger fragwürdig ist).

„Ich bin kein Journalist, ich bin Filmemacher“, antwortet Ferrara einem der Migranten. Dieser mächtige Satz fasst zusammen, wie sich ein nachdenklicher Blick auf ein so komplexes wie nach griffigen Antworten verlangendes Thema darstellt, ohne in einen manipulativen oder politisch korrekten Diskurs zu verfallen. Weit entfernt von vorgeblicher „Objektivität“, in die eine journalistische Herangehensweise sicher einzustimmen versuchen würde, konstruiert Ferrara ausgehend von Aussagen von Italienern und Ausländern, Alten und Jungen, eine Seismografie der aktuellen Situation in Europa.