Talent Press Den Zuschauer im Zweifel belassen

Aos Teus Olhos
Aos Teus Olhos | Pressefoto / Festival do Rio

Anhand des Themas der Pädophilie problematisiert Aos Teus Olhos von Carolina Jabor den Komplex virtueller Lynchjustiz.

Zum Klang von Wasser und mit Unterwasserbildern lädt Aos Teus Olhos den Zuschauer ein, tief in die kommende Handlung einzutauchen. Die Geschichte kreist um den Schwimmlehrer Rubens (Daniel Oliveira), dem vorgeworfen wird, sich an seinem  Schüler, dem siebenjährigen Alex (Luiz Filipe Melo), vergangen zu haben.

Obwohl er im Zentrum der Handlung steht, erscheint Alex nur wenig im Film und das fast immer schweigend. Seine Stimme kommt nur in den Vorwürfen der Eltern zum Vorschein. In ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit greift die Mutter auf die gierige Macht der sozialen Netzwerke zurück, um Rubens zu beschuldigen. So wird die für den Film zentrale Problematik der virtuellen Lynchjustiz eingeführt. Die wachsende Spannung wird durch kleine Handybildschirme hervorgerufen, auf denen Nachrichten und Einträge aufscheinen, und über den Ton, der Beunruhigung durch Geräusche erzeugt. Im Verlauf des Films wird die Aggression, die in der virtuellen Welt ihren Anfang nahm, verbal und körperlich, und wirft eine entscheidende Frage auf: Selbstjustiz.

Bevor er offen über Kindesmissbrauch spricht und Rubens beschuldigt, Alex geküsst zu haben, fragt der Vater den Schwimmlehrer zunächst, ob er homosexuell sei. Es ist der frontale Versuch, sexuelle Übergriffe mit der größeren Freizügigkeit der LGBTQ-Community in Verbindung zu bringen. Doch Carolina Jabor achtet darauf, die Figuren nicht mit Etiketten zu versehen.

Das Drehbuch versucht, die Anzahl der Szenen auszubalancieren, in denen der Protagonist schuldig erscheint und in denen er unschuldig erscheint, ebenso wie die Äußerungen von Oliveira, die ihn mal schuldig erscheinen lassen, mal als Opfer einer absurden Situation. Jabor möchte das Publikum in diesem Zweifel belassen und wählt Einstellungen, die kleine Gesten des Schwimmlehrers wie durch eine Lupe betrachten; ein Teil dieser Bilder stammt aus den Aufnahmen einer Überwachungskamera.

Inmitten der Vielfalt der Bilder und Bildschirme, die sich vermischen und gegenseitig beeinflussen, scheint die Wahrheit schließlich unerreichbar. Im offenen Ende muss sich der Zuschauer nicht zwischen Schuld und Unschuld entscheiden, wird vielleicht sogar angeregt, darüber nachzudenken, wie gefährlich dieser Zwang sein kann, sich auf eine der Seiten zu schlagen. Es ist die Art von Film, die zum Nachdenken und zur Diskussion anregt.