Buch der Bilder Denen, die nach uns kommen

In Buch der Bilder lobt Godard das Fragment.

Erstes Bild: Ein Finger zeigt nach oben. „Mit den Händen denken”, sagt Godards brüchige Stimme, die das Bild begleitet. Nicht eine genaue Hand, aber genau eine Hand. Die Hand Johannes des Täufers, des androgynen Propheten in dem berühmten Gemälde von Leonardo da Vinci, der nach oben zeigt und die Ankunft dessen verkündet, der kommen wird. Gewidmet „denen, die nach uns kommen“.

In seinem Buch der Bilder (Le livre d’images) nimmt Jean-Luc Godard die Archäologie der Bilder seiner Serie Histoire(s) du Cinéma, insbesondere in der ersten Hälfte, wieder auf, die Archäologie einer Archäologie der Bilder, denn er arbeitet mit Zwischentiteln und Szenen daraus. „Das Bild kommt in der Zeit der Auferstehung“, sagt Godard in Histoire(s) du Cinéma (oder wird die Zeit der Auferstehung sein?) und aktualisiert damit jede Zeit. Für immer und jetzt begleitet der Portier aus Der letzte Mann die Damen durch den Regen und Johnny Guitar bittet Vienna zu lügen. Ebenfalls für immer und jetzt explodiert vor unseren Augen die Bombe (Entsetzen, Entsetzen, Entsetzen). „Willst du wirklich unsterblich werden?“ „Was wird aus mir, wenn ich nicht sterbe?“ In Malraux’ imaginärem Museum ist Zeit die Distanz zwischen zwei Bildern. Oder zwischen zwei Einstellungen. Die zeitliche Entfernung ist unwichtig - es gibt in der Auferstehung keine Zeit - aber Schnitte, Passagen, Beziehung. Die süße Obsession von Godard.

Le livre d’images ist auch ein Lob des Fragments. Fragmente der Erinnerung, der Geschichte, des Bildes. Ode an Bertolt Brecht: „Nur das Fragment vermittelt Authentizität.“ Zugleich (immer zugleich) die Gewalt. Godard vergewaltigt Fragmente, vergewaltigt die Bilder, als Aneignung, als Liebeserklärung, als eine Erklärung des Schreckens. Der Liebe und des Schreckens, die den Regisseur antreiben, der zum Entsetzen der zeitgenössischen Philosophen erklärte, dass Bilder denken.

Im zweiten Teil von Le livre d’images die Gewalt der Darstellung. Der Kontrast zwischen dem Akt der Darstellung und der Flaute der Repräsentation der nordamerikanischen Invasion des Mittleren Ostens, Godards bittere Obsession. Adieu an die Sprache. Die Stimme von Anne Marie erklärt: „Die Erde verlassen, begraben unter Buchstaben des Alphabets, angeschwollen von Wissen, und niemand hört.“ Wie lassen sich Bilder des Schreckens verkörpern? Indem man sie aus dem Geisterlabyrinth der ewigen Wiederkehr nimmt, in dem die Bombe und der Kuss sich unendlich mit gleicher Intensität wiederholen? Wir sind nie traurig genug, um die Welt sich zum Besseren wenden zu lassen.

Am Ende der Tanz. Der Tanz wird zur Zeit der Auferstehung kommen, und der Tanz von Godard hat das Gesicht einer Frau.