Ilha Avantgarde ist das Erzählen der eigenen Geschichte

Ilha
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1995, zum hundertsten Jubiläum des Kinos, veröffentlichte Mohsen Makhmalbāf Salam Cinema. Der Dokumentarfilm handelt von einem inszenierten Vorsprechen für einen Film und hinterfragt im Spannungsfeld von Realität und Inszenierung die Machtpositionen und die Produktionsweise des Films und darüber die Machenschaften der Gesellschaft. Genau wie das iranische Werk aus den 1990er Jahren, treibt Ilha (Insel) von Ary Rosa und Glenda Nicácio ein Spiel mit Filmsprachen und setzt im Verlauf seiner 94 Minuten Figuren und Zuschauer unter Spannung, um so neue Auswege zu erzählen und zu erschaffen.

Ilha beginnt mit Hinweisen auf Gewalt. Ein Mann mit einem Sack über dem Kopf wird gefangen gehalten. Der Entführer interagiert mit der Kamera, tritt in Dialog mit der Person davor und verwendet Fachbegriffe aus der Filmsprache. Diese scheinbare Antithese durchbricht die erste von vielen Mauern. Die Vorstellungswelt um die schwarze Hautfarbe umgibt Tragik und die Abwesenheit eines einfühlsamen Gesprächspartners. Diesen Gesprächspartner versucht Ilha zu finden.
 
Geschichten zu erzählen heißt, sich zu stellen. Den Ängsten, den Traumata, dem Unterdrückten. Die Erzählebenen des Films sind eine Paraphrase des vielschichtigen Erlebens der schwarzen Bevölkerung des Landes, das sich auf das Ideal eines angeblichen „Paradieses der Rassenbeziehungen“ beruft. In demselben Land wird alle 23 Minuten ein junger Schwarzer getötet. „Du tötest mit Worten, du tötest mit Bildern und schließlich auf offener Straße“. Mit diesen Worten verstrickt sich der Sprecher, so wie sich Inszenierung und Wirklichkeit verstricken.
 
Im Gespräch nach der Aufführung spricht Glenda Nicácio über das Setting des Films. Ilha Grande in Bahia ist nach ihrer Aussage Inbegriff des Verlassenen. In dem Film ist es der Ort, von dem niemand fortkommt. Diese Metapher der Insel als Raum dessen, der bleibt, kehrt oft wieder.
 
In einer Zeit, in der Rede Globo - noch immer - die Region mit der größten schwarzen Bevölkerung des Landes mit weißen Schauspielern aus dem Südosten darstellt, ist die Suche nach einer geografischen Poesie, die auf angemessene Weise vom Nordosten und von den dort lebenden Menschen erzählt, ein Weg, diese Insel, auf die man verbannt wurde, zu verlassen. Kamera und Stift liegen nicht mehr in der Hand selbst ernannter europäisch-weißer „Avantgarden“. Die Autoren sind wir, und die „Avantgarde“ wir die Subjektivität und Dringlichkeit unserer Geschichten ertragen müssen.