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Le livre d’images
Divulgação

Jedes Mal, wenn ich einen Film von Godard sah, hatte ich das Gefühl, dass er gemacht wurde, um im Kino gesehen zu werden, aber aus unterschiedlichen Gründen hatte ich noch nie die Gelegenheit, einen dort zu sehen. Godard zählt nicht zu meinen Favoriten: Zum Spaß sage ich immer, dass falls die Regisseure der Nouvelle Vague einmal in Not gerieten und ich nur einen davon retten könne, es Éric Rohmer wäre. Trotzdem bin ich mir sicher, dass in dieser angenommenen Lage auch Godard davonkommen würde, getragen vom Strom seiner Einstellungen und Stimmen, von Le livre d’images, seinem Buch der Bilder.

Volles Haus, der Kinosaal aufgeheizt, ein ungewöhnliches Hin- und Herruckeln in den Sesseln. Dann irgendwann in Le livre d’images, eine Frau geht, laut mit ihren Holzsohlen klappernd, was noch von draußen zu hören ist. Sie ist nicht die Einzige, in den Seitengängen herrscht ein ungewöhnliches Kommen und Gehen, aber niemand beschwert sich darüber; als gäbe es ein gegenseitiges Verständnis von uns, den von der Leinwand herab Vergewaltigten.
 
Denn Godards Bilder sind voller Gewalt, sie schimmern von einer abgestimmten Skala von Grautönen bis zur übertriebenen Farbsättigung, von gröbster Körnung zur höchsten Genauigkeit, vom Altern des Analogen bis zum bug des unvollständigen Digitalbilds. Das alles in einer Schnelligkeit unerwarteter Konfrontationen, Bildern, die ineinander eindringen, sich überlagern. Doch es sind keine flüssigen Bilder, die gleichzeitig laufen, sondern im Gegenteil Monolithe, die sich anstoßen und sich zu Splittern zerlegen, genau in die Augen der Zuschauer treffen, die betäubende Bilder gewöhnt sind oder von ihnen gefangen. Von der Gewalt zur Befreiung, und nicht selten geht der Blick von der Leinwand zu den Seitengängen, zum Saal, in einem Gefühl der bewussten medialen Vermittlung, hervorgerufen von den unzusammenhängenden Stimmen in Dolby 7.1, die an ein Ritual der Hypnose erinnern.
 
Indem er den Blick des Betrachters von der Leinwand vertreibt, entweiht Godard einen Teil der Filmerfahrung, doch gleichzeitig lässt er, indem er ihn in den Kinosaal lenkt, den Raum um das Bild wiederauferstehen, die dunkle Höhle. Vertreibung und Distanzierung sind Teil dieser Erfahrung, die eine weitere schafft, indem sie daran erinnert, dass sie umgebend ein einzigartiger Raum ist, der eine Welt zeitlich einteilt, um eine neue entstehen zu lassen. Ein heiliger Raum. Eine schmerzhafte Erfahrung, denn sie beschneidet jede mögliche Latenz des Blicks. Nicht zufällig ist eines der ersten Bilder des Films die berühmte Einstellung aus Luis Buñuels Der Andalusische Hund: das von einem Rasiermesser buchstäblich durchschnittene Auge.