Deslembro Die perfekt präparierte Oberfläche

Deslembro
Divulgação

Der Titel dieses Films von Flávia Costa stammt aus einem Gedicht von Fernando Pessoa; mehr als einmal wird das Fragment von den Protagonisten gelesen: „meine Vergangenheit, / Ich weiß nicht, wer sie lebte. War ich es selbst, / Ist sie auf verwirrende Weise vergessen / Und fließt in mir verschlossen dahin“. Allerdings trifft hier das identitäre Chaos Pessoas (in seinen vielfältigen heteronymen Verkörperungen und vorgespiegeltem Nichtzusammentreffen) auf die fast anonyme Glattheit des Films Deslembro.

In diesem Film ist alles perfekt poliert, es gibt keine rauen Oberflächen, es gibt keine Abwege, keine losen Enden. Und angesichts dessen gleitet die Hand aus, hat nichts, wo sie sich festhalten könnte. Der Film ist makellos und deswegen glatt, schlüpfrig. Nur hat diese Politur nichts von der Bearbeitung eines Edelsteins, sondern eher die Glätte einer Bronzestatue, an der die Menschen vorbeigehen und mit der Hand über den Fuß streichen, bis dieser glänzt. Es ist der erste lange Spielfilm der Regisseurin und brauchte fast ein Jahrzehnt, um fertig zu werden. In diesem Prozess (zwischen Schreibwerkstätten, internationalen Koproduktionen und anderen Vorgaben und Überlagerungen) ist jede Spontanität eines Erstlings verflogen zugunsten der Sicherheit eines durchaus sanften, intimen Porträts, jedoch mit dem Blick eines Präparators oder eines Stilllebenmalers.

Umso trauriger als durchaus spürbar wird, dass viel von der Geschichte des Films sehr persönlich ist: ein Erwachsenwerden der Tochter eines Opfers der brasilianischen Militärdiktatur und eines Stiefvaters, der im chilenischen Widerstand aktiv war. Nach Diário de uma busca (2010) setzt die Regisseurin ihre sentimentale Kartierung familiärer Brüche fort, die revolutionäre Geister der Linken in den 60er und 70er Jahren bei ihren Lieben hinterlassen haben. Kulturelle Wurzeln zerrissen zwischen unterschiedlichen Nationalitäten, Gebräuchen und Sprachen. Das ist das Schönste an Deslembro: die Wahrhaftigkeit, die in dem Prozess der „Anpassung“ einer Jugendlichen an ein neues Land  durchscheint, über das Empfinden von Regen, Sand, dem Geruch von Büchern, von Haschisch, von Sex … Wahrheit, eingeschlossen in ein perfektes historisches Diorama.