Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché Cineastik und warmer Käse

Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché
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Wir nehmen ein Taxi zum MAM und kommen an ein Gebäude im brutalistischen Stil, seitlich gestützt von den Rippen eines gefallenen Riesens. Der Verfall ist allgegenwärtig sichtbar: Für den würdigen Erhalt des Monumentalen an diesem Raum fehlt es an Geld und an Personal. Potenzielle Zuschauer sind nur sehr wenige da, die Sessel quietschen, niemand kann uns Auskunft geben, Programme vergangener Filmschauen stapeln sich. Vor allem aber der Geruch: ein komplexer Duft, in dem sich Muff und getoastetes Käsesandwich vermischen. Der charakteristische Duft von Orten der Vergangenheit, wo Überlebende anderer Zeiten ausharren. Kinematheken sind oft solche finsteren Orte, wo die muffige Schwere der Gespenster nur unterbrochen wird von den Pausen für einen Imbiss.

Die Begegnung fand rund um einen Film und um ein Begängnis statt: die Zeitschrift Contracampo feiert zwanzig Jahre seit ihrer Gründung, und dazu haben einige ihrer Herausgeber beschlossen, den Film Alma Corsária (1993) von „Carlão“ Reichenbach aufzuführen. Den Film eines Freundes, eines cineastischen Regisseurs (oder Regie führenden Cineasten), in dem der Film den Protagonisten Gestalt gibt und die Erinnerungen daran, wie in Kindertagen „Sam“ Fuller im Kino an der Ecke lief, sich zu einer Art „Rache des Imaginären“ neu inszeniert. Sogar das Material des Objekts war dem Verfall preisgegeben. Es sollte ein 35-mm-Film gezeigt werden, dann stellte sich heraus, dass eine der Spulen nicht mehr in Ordnung war, und man musste auf eine digitale Kopie zurückgreifen. Die Dinge verfallen, das ist unvermeidlich. Uns bleibt nur das Besingen der Trümmer.

Auf dem Festival von Rio de Janeiro gibt es, wie auf vielen  anderen Festivals, eine eigene Sektion für diese Art von Objekten, die dem Durchwühlen der Filmgeschichte dient, auf der Suche nach neuen Bedeutungen: die Sektion Film Doc, in diesem Jahr mit Titeln über William Friedkin, Alice Guy-Blaché, Orson Welles und Hal Ashby. Es sind Geschichten innerhalb der Filmgeschichte, in der jede Sphäre der Historiografie neue Schichten an Bewusstsein darüber schafft, wie konstruiert dieses Wissen ist.

Das Epitheton dieses historiografischen Bewusstseins ist der Prozess der Investigation über Alice Guy-Blaché und ihrer Neubewertung. Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché (2018) ist das Ergebnis einer (so fundamentalen wie manipulativen) Arbeit von Pamela B. Green, der Sichtung von Dokumenten und Aussagen über die Pionierin des Kinos, die mit den Jahren zur unzutreffenden und bis ins Unendliche kopierten Fußnote reduziert wurde. Die Kraft dieses Dokumentarfilms besteht sicher nicht in seinem Beitrag für das filmische Genre an sich, sondern, ganz im Gegenteil, darin, wie er sich aus der Investigation selbst aufbaut - ein Schürfprozess rund um den Globus auf der Suche nach den verlorenen Kisten im Lager eines arglosen entfernten Verwandten. Und diese Jagd nach Dokumenten rund um die Welt geschieht mit nichts weniger und nichts weiter als dem Internet. Green arbeitet nach dem Muster des desktop cinema und verwebt Skype-Interviews, Whatsapp-Sprachnachrichten, schnelle Google-Abfragen nach Adressen und Telefonnummern, etc. Ein Prozess also, der die Hoffnung auf die Möglichkeiten der digitalen, vernetzten Welt nährt und zeigt, dass sich der Zugang zur Filmgeschichte (und zur Geschichte, zum Film) nicht notwendigerweise auf muffige Verliese beschränken muss, in denen es nach getoastetem Käsesandwich müffelt.