Chuva é Cantoria na Aldeia dos Mortos Antropofagias convenientes

Chuva é Cantoria na Aldeia dos Mortos
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Die Produktion von Erzählungen mit historisch unsichtbar gemachten Subjekten als Protagonisten hat merklich zugenommen. Der visuelle Bereich, insbesondere der Film, für den das Auslöschen von Subjektivität symptomatisch ist, bedient sich mittlerweile einer gewissen Inklusion in der Produktionsweise ihrer Geschichten. Daher ist eine gewisse Vielfalt der Darstellung auf der Leinwand in den Festivalprogrammen inzwischen nicht selten.

Die Versuche, historische Ansprüche auf Legitimationsräumen und Privilegien zu erfüllen, ergeben sich als Erwiderung auf ebenfalls historische Kämpfe derselben Subjekte, die dieses System der Darstellung in Frage stellen. Inwieweit aber findet diese symbolische Sichtbarkeit in der Wirklichkeit eine Entsprechung?
 
Über die Frage der originär brasilianischen Völker zum Beispiel. Wir verfügen über eine Vielfalt an einzelnen Produktionen über die Bodenfrage, Rituale, Sprachenvielfalt oder politisches Engagement. Der anthropologische Film hat wirklich viel zu erzählen.
 
Einer der jüngsten Filme zum Thema ist Chuva é Cantoria na Aldeia dos Mortos (Regen ist im Dorf der Toten Gesang). Die portugiesisch-brasilianische Koproduktion von João Salaviza und Renée Nader Messora ist eine in einem Dorf der Krahô im brasilianischen Cerrado gedrehte Fiktion. Der jugendliche Ihjãc erhält den Auftrag, der neue Pajé (Spiritueller Heiler) des Dorfes zu werden, und sein Sich Anfreunden mit dieser Mission ist der rote Faden der Handlung.
 
Gleich in der ersten Szene wird die Leinwand von Schönheit erfüllt. Es ist Nacht, auf der Leinwand erscheint das Gesicht des jungen Indigenen in Nahaufnahme. Die Kamera fährt zurück, und man sieht einen riesigen Wasserfall. Ihjãc unterhält sich in der Sprache der Krahô mit jemandem, den man nicht sieht. Wie sich herausstellt, ist es der Geist seines Vaters. Eine Totenfeier steht an.
 
Die Tagesabläufe des Helden folgen einer der klassischen Sprache sehr ähnlichen Erzählweise. Die ästhetischen Elemente im Dorf sind die Natur und die Kraft der einheimischen Sprache. Der Film versucht, mit Ästhetiken und Narrativen zu brechen, die indigene Völker als rückständig und verallgemeinernd beschreiben. Dafür wird das Porträt eines Individuums geschaffen, das seinen Platz hinterfragt. Die fiktive Geschichte ist inspiriert von dem wirklichen Fall eines anderen jungen Krahô. Es ist interessant, wie für Weiße der Gedanke der Anthropophagie (wie bei dem brasilianischen Schriftsteller Oswald de Andrade angelegt als Fähigkeit, den Anderen und seine Kultur zu „verschlingen“ und dadurch etwas zu einem Teil von ihm zu werden) stets der Lohnendste zu sein scheint. Sie haben sehr gut gelernt, fremde Subjektivität in ihren eigenen, unveränderten Protagonismus zu übernehmen. Schöne Bilder, das Zuhören, das Lernen einer Sprache, Kultur, Zeichen, um über das zu sprechen, das außerhalb des eigenen Redebereichs liegt. Und wer die Gedanken über historische Wiedergutmachung und Umverteilung der Bereiche des Redens und Hörens außer Acht lässt, wird in diesem Film zweifellos einen gigantischen Wandel sehen. Doch man muss wissen: Das füllt nicht die riesige von der Wirklichkeit hinterlassene Lücke.
 
Darüber nachzudenken, wie etwas gemacht werden kann, ohne die Opfer der Kolonisierung noch weiter zu entleeren und zu stereotypisieren ist verpflichtend für jemanden, der die Macht besitzt, Bilder zu schaffen. Der erste Schritt der Wiedergutmachung. Doch es gibt viel mehr als das. Es geht um Diskurse im Widerstreit. Tauschverhältnisse müssen dringend überdacht werden. Unbedingt muss erkannt werden, wie weit man gehen kann, wenn man sich der Privilegien bedient.
 
Der neue europäische Exodus nach Brasilien bekommt eine andere Tonlage. Bis zu welchem Punkt haben Weiße tatsächlich nachgedacht über den politischen Gebrauch des Redebereichs? Bis zu welchem Punkt sind Weiße tatsächlich bereit, sich infrage zu stellen und Macht aus der Hand zu geben? Es ist keine Zeit mehr, um die Geschichte des Landes weiterhin von diesen Händen verfassen zu lassen. Also macht Platz!