Ausbeutung der Armut und des Leids

'Lied ohne Namen'
Divulgação

Der Film "Lied ohne Namen" von Melina León beginnt mit alten Bildern und Zeitungsseiten. Der gewählte historisch-zeitliche Ausschnitt liefert Informationen über die Wirtschaftskrise und die politische Instabilität Perus in einem postdiktatorischen Kontext der späten 1980er Jahre. Die Schwarz-Weiß-Nuancen des Spielfilms zeugen vom Prozess der Homogenisierung des sich entfaltenden filmischen Blicks: Das Dorf, in dem die Handlung stattfindet, wird in seiner Armut und in seiner tragischen Geschichte erforscht, in der Figur der Protagonistin Geo, einer schwangeren Andenfrau, der ihre Tochter kurz nach der Geburt gestohlen wird. Die Handlung weist, als ob es einen geographischen Determinismus gäbe, auf ein Übermaß an Leiden hin, zwischen zu vielen Schreien und Türeklopfen, was die Zuschauer wenig dazu bewegt, für die Hauptfigur andere Emotionen als Mitleid zu empfinden. Ist es das, was eine lateinamerikanische Frau verdient?

Die melodramatische Handlung weist beim Ablauf der Ereignisse Schwächen hinsichtlich der Ursache-Wirkungs-Beziehung auf, um überzeugendere Wendungen zu vollführen, und überschätzt zudem die Wirkung der Figur Pedro auf die Handlung, dem investigativen Journalisten mit der Aura eines weißen Retters, der (im engeren Sinne) der Protagonistin das Verständnis für das Problem des Kinderhandels im Land vermittelt. Das Heldentum des Journalisten in seiner Dynamik, den Spuren der Geschichte zu folgen, dient als narrativer Anker für alle anderen Handlungen Geos, die kaum Entscheidungsgewalt über ihre Handlungen hat. Wieder einmal drängt sich der Determinismus auf, der diese in ihren indigenen Charakterzügen dargestellten Frau einfrieren lässt und sich auf ihren Blick konzentriert, als Versuch, das Mitgefühl der ZuschauerInnen zu wecken, tatsächlich aber einen ästhetischen Ort überbewertet (und ihm verfällt), der weiterhin vorgefertigte Diskurse darüber hervorruft, dass Lateinamerika ausschließlich ein Raum des Elends sei.
 
Wir kennen Geo nicht, ihr Gesagtes verrrät wenig über ihr subjektives Empfinden und wird als Schmerz dargestellt. Über ihre Familie oder ihren Ehemann ist nichts bekannt, auch nichts über die liebevolle Beziehung der beiden, aber, gezeichnet durch die Ästhetik der Schönheit, lassen wir uns leicht von Bildern verführen, die zum Beispiel den szenischen Momenten der Rituale aus den Andengebieten besondere Aufmerksamkeit schenken. Am Ende ist es das, was wir kennen, nicht wahr? Und falls der Film uns doch überzeugt, damit das gesagt sei, dann nur aus Mangel an Informationen über diesen Ort und seine sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen. Diese vom Kolonialismus geförderte Apartheid lässt uns diese Menschen als "andere" sehen, die wir nicht als Gleichartige anerkennen. Diese Nicht-Zugehörigkeit mit seiner wohlschmeckenden Ästhetik ermöglicht uns, den bildhaften und narrativen Diskurs von "Lied ohne Namen" unreflektiert zu akzeptieren, auch wenn er uns nirgendwo hinführt, außer dorthin, dass sie die minderwertigen Diskurse darüber stärken und wir sie für das halten, was sie sind. Ein möglicher Kritikpunkt zerfällt mit der deterministischen Formel, die diesen politischen Körper auf der Bühne begräbt und abschwächt. Wenn es darum geht, die Leinwand mit Farbigen und Indianern durch Hype zu füllen oder zu verkaufen (ja, wir geben unser Geld!), ist es besser, dies nicht zu tun.