Weder schön und bescheiden, noch Hausfrau

Alice
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Es ist unmöglich, "Alice zu" sehen und nicht sofort an "Belle de Jour – Schöne des Tages" von Louis Buñuel zu denken. Der surrealistische Klassiker, der Catherine Deneuve weltweit bekannt machte, ist ein Vorbild nicht nur wegen der Situation der verheirateten bürgerlichen Frau, die sich prostituiert, sondern auch wegen der Ähnlichkeit der blonden Émilie Piponnier mit der jungen Catherine Deneuve. Während in Belle de Jour jedoch Prostitution als Flucht vor einem langweiligen Leben dient und absurd wirkt angesichts der Tatsache, dass Séverine (die Figur von Deneuve) in materiellem Wohlstand lebte, so wird Alice durch den Totalausfall des Hausherrn und den Verlust der Finanzen zu diesem Leben "gezwungen". François, ihr Mann, treibt die Familie wegen der Bezahlung von Edelprostituierten geradewegs in den Bankrott. In diesem Moment entdeckt Alice im Verkauf ihres eigenen Körpers, ihres einzigen Kapitals, eine Chance, das Haus zu retten und den Unterhalt ihres Sohnes zu sichern.

Ein Spruch aus dem Film besagt: Sie hat alles richtig gemacht, bis alles schief ging. Tatsächlich wird Alice am Anfang des Films als die perfekte Ehefrau dargestellt, "schön, bescheiden und Hausfrau". Sie macht alles "richtig". Mit anderen Worten, sie verkörpert das, was die patriarchalische Gesellschaft von einer Frau erwartet und an ihr schätzt: Schönheit und Jugend, Mutterschaft, besorg um das Heim und den zahlenden Ehemann. Deshalb wirkt das Verhalten des Ehemannes und die daraus resultierenden Folgen als "unverdiente Strafe", oder lässt uns zumindest in Frage stellen, ob dieser uns vorgestellte Kontext in dem Sinne funktioniert, dass wir die Wahl von Alice wohlwollend gutheißen und ihr "vergeben" (falls wir es tun müssten...).

Alice scheint zu keinem Zeitpunkt eine moralische Einstellung gegenüber der Idee zur Prostitution und ihrer Verwirklichung zu haben. Nach anfänglicher Nervosität geht sie mit Leichtigkeit und sogar Engagement in ihren neuen Beruf. Es gibt keine Enttäuschung über dieses neue Leben, wie es in Filmen über Frauen, die sich prostituieren, üblich ist. Sie ist glamourös, und dieser Glamour wird nicht von Unglück, Gewalt oder anderen Unannehmlichkeiten verdrängt, abgesehen von der Schwierigkeit, die die nächtliche Aktivität in Bezug auf die Kinderbetreuung und die sporadische Begegnung mit einem bizarren Klienten mit sich bringt, was in einer von mehreren Szenen resultiert, die mustergültig spannend sind.

Am Ende wählt Alice ihr Schicksal und hinterlässt uns erleichtert, nicht mit einer Frau konfrontiert zu sein, die den Erwartungen des rückwärts gewandten Patriarchats entspricht, gleichzeitig lässt der Film den Weg offen, welchen sie einschlagen wird.