Juli Zeh Amy

​„Guten Morgen, Juli“, sagt Amy. „Es ist 7:30h, Zeit zum Aufstehen. Heute ist der 30. Juni 2064. Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag. Deine Körpertemperatur liegt bei 36,9 Grad, der Blutzuckerwert 85 mg/dl, der Ruhepuls bei 60. Nein, 70. Bisschen aufgeregt, jetzt, wo du weißt, dass du Geburtstag hast, was?“

Ich habe Amy so konfiguriert, dass sie einen lockeren Ton anschlägt und sich zwischendurch einen Witz erlaubt. Ehrlich gesagt geht sie mir trotzdem meistens auf die Nerven. Amy ist so groß wie ein Stecknadelkopf und wohnt hinter meinem linken Ohr. Eigentlich heißt sie E-Me, my electronical self. Erfunden wurde sie als Life Assistant, als elektronische Privatsekretärin. Seit zehn Jahren ist Amy Pflicht.
„Wir gehen nun ins Bad und führen die Morgenhygiene durch“, sagt Amy. „Inzwischen beauftrage ich die Küche mit der Herstellung eines Vitalfrühstücks im Gegenwert von 375 Kalorien sowie einer Tasse Tee. Wenn du etwas andere essen möchtest, mache deine Eingabe bitte jetzt.“
„Ich will Käsekuchen und ein Glas Sekt“, sage ich. „Heute ist mein Geburtstag.“
Amy lacht. Das muss ich ihr bei Gelegenheit verbieten. Es ist das fröhliche Lachen einer dreißigjährigen Frau. Sie klingt ein bisschen wie ich selbst vor zwanzig Jahren, als ich noch alle meine Energie in den politischen Kampf gegen die digitale Kontrolle des Bürgers investierte. Amys Hersteller sind stolz auf ihre Voice-Prints. Schließlich sollen die Kunden das Gefühl haben, dass eine bessere Version des eigenen Ich zu ihnen spricht.
„Das waren noch keine drei Minuten“, sagt Amy und meint die Dauer des Zähneputzens. Ich stelle das Dental Service System trotzdem zurück in die Halterung. Ich weiß, dass sich Amy darüber ärgert. Das Dental Service System ist ihre beste Freundin. So wie eigentlich alle elektrischen Geräte des Haushalts.
„Du weißt, dass ich das der Krankenkasse melden muss, wenn es noch einmal vorkommt“, sagt Amy.
Während ich mich anziehe, erzählt Amy, wie es mir geht. Gesundheitlich bin ich in Top-Zustand. Ich ernähre mich optimal, mache trotz meiner fünfzig Jahre täglich zwei Stunden Sport. Seit die Politik abgeschafft wurde, weil in einer optimierten Gesellschaft keine Entscheidungen mehr getroffen werden müssen, beschäftige ich mich ausschließlich mit Literatur. Amy wird nicht müde zu betonen, was für ein tolles Leben ich habe.
„Du bist glücklich, weil du dich den schönen Dingen widmen kannst. Frei von Krankheiten, frei von Bedrohungen, frei von Sorgen. Das ist ein privilegiertes Leben in einer privilegierten Welt. Es ist 7:43h, du hast aus der E-Me-Community bereits 588 Geburtstagsgrüße erhalten, die wir später zusammen durchgehen werden. Du freust dich auf die Videokonferenz mit deiner Familie um 11:30h. Nelson und Ada, deine Kinder, haben sich für jeweils zehn Minuten Holo-Skype eingetragen. Bis dahin haben wir das Gesundheitsprogramm zu erledigen und müssen uns ein bisschen ranhalten. Wenn du jetzt bitte mit Anziehen fertig wirst.“
Ich verlasse das Bad, gehe an der Küche vorbei, die bereits frisch gebrühten Tee und Müsli für mich bereit hält, und ziehe mir im Flur die Schuhe an.
„Was machst du da?“, fragt Amy.
Ich antworte nicht und verlasse das Haus. Den Wagen lasse ich stehen, Amy hat Zugriff auf den Bordcomputer und würde das angegebene Ziel niemals autorisieren.
„Ein Spaziergang vor dem Frühstück? Ungewöhnlich, aber akzeptabel. Ich kann dir 2 Sportkilometer gut schreiben, empfehle aber, die geplante Route durch den Stadtpark zu legen. Der Sauerstoffgehalt der Luft ist hier in der Innenstadt ...“
Amy verstummt, weil sie rechnen muss. Ich bin seit Jahren nicht zu Fuß in der Stadt gewesen, weshalb mein momentaner Bewegungsverlauf nicht ins Profil passt. Die Straßen sind ausgestorben. Seit die Menschen zu Hause arbeiten und sich das Domestic Providing System um die komplette Versorgung kümmert, gibt es wenig Gründe, in die Stadt zu gehen. Geschäfte gibt es schon lange nicht mehr, und selbst wenn es welche gäbe, wäre der Verkauf von Sekt und Kuchen illegal. Es weiß trotzdem jeder Idiot, wo man die Sachen bekommt. Amy weiß das auch.
„Juli!“, ruft sie, als sie mit Rechnen fertig ist. „Das ist eine schlechte Idee. Ich bitte dich, auf der Stelle umzukehren.“
Ich beschleunige meine Schritte, ab jetzt ist alles eine Frage der Zeit.
„Du stehst im Begriff, eine Gesetzesübertretung zu begehen. Nach § 14 Ziffer 3 Betäubungsmittelgesetz handelt es sich bei Sekt um ein alkoholhaltiges Substrat, also ein verbotenes Rauschmittel. Käsekuchen steht in § 342 der Anti-Zucker-Verordnung. Was du vorhast, muss ich melden!“
„Wenn du Geschmacksnerven hättest, würdest du die Klappe halten und die freuen“, sage ich, aber solche Sätze versteht Amy nicht.
„Letzte Warnung. Ich werde jetzt Meldung machen. Meldung in 5, 4, 3, 2, 1 Sekunden. Meldung ist erfolgt.“
Vor mir der Bahnhof, hinter dem Bahnhof die Dealer. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Käsekuchen und Sekt. Zwanzig Jahre ist das her. Ich halte 100 E-Dollar bereit. Vielleicht sollte ich noch 1.000 drauflegen und mir bei der Gelegenheit gleich Amy aus dem Ohrknorpel entfernen lassen. Auch dafür gibt es hinter dem Bahnhof Spezialisten.
„Abweichung identifiziert, Normalisierung eingeleitet“, sagt Amy zufrieden. „Ankunft der Health Security in Null Komma Dreißig Minuten.“
Der Bahnhof verschwimmt mir vor Augen. Nicht, weil mir übel wird, sondern weil ich weine. Ich bleibe stehen und lausche den näher kommenden Sirenen.