Alexander Kluge Wir sind noch einmal davongekommen

Alexander Kluge
Alexander Kluge | Foto (Ausschnitt): Markus Kichgessner

Ich bin jetzt 83 Jahre alt, immer noch auf der Jagd in Feuerland nach großen Dinosaurierknochen, das ist mein Steckenpferd. Meine Geschäfte habe ich abgegeben. Das erledigt meine älteste Tochter. Sie ist jetzt im Sommer 2064 fünfzig Jahre alt geworden.

Als sie 2014 in einer heißen Julinacht zur Welt kam, mit rosig-runzeligem Gesicht und einem Fleck über dem rechten Auge, habe ich mir nicht vorstellen können, wie sie in fünfzig Jahren aussehen wird, und ich habe nicht erwartet, diesen Zeitpunkt noch zu erleben. Meine fünf Kinder sind meine Uhren, an ihnen lese ich ab, dass ich älter werde. Nichts, was ich für sie geplant habe oder für das sie mit meinem Eurogeld ausgebildet worden sind, kann ihnen im Jahre 2064 noch nützen. Außer, dass sie Schulschwänzer waren und dafür heute gute Improvisateure sind. 

Vor vierzig Jahren noch hieß es: In Zukunft leben achtzig Prozent der Menschen in Agglomerationen und Megastädten, wir werden also Städter. Stattdessen sind wir alle ganz verteilt aufs Land. Traurig, dass es kaum noch Bücher gibt. An die Stelle des Alphabets sind Listen und Reihen von Zeichen getreten: In / Out / Like / Share / Shit / Next und sechsunddreißig autorisierte andere Bilder und Symbole, die man nicht schreiben, nicht malen, sondern nur klicken kann. Das ist nicht halbwegs so unscharf (und dadurch so flexibel) und auch nicht so grammatisch wie unsere Sprache früher, von der ich Reste – so wie meine Dinosaurierknochen – sammle. Dass das Angelsächsische, einst so mächtig, nur noch von einer Minderheit in Schottland gesprochen wird, ein Dialekt dagegen aus dem Emsland vorherrschend und jene Sprache römischer Legionäre, die wir das Portugiesische nennen, Weltsprache Nummer Eins wurde – hätten Sie das gedacht? Zugleich ist die weltweite Kommunikation, die uns Robinsone (außerhalb der Städte, die als Ruinen daliegen,) miteinander eng verbindet, dadurch künstlerischer geworden, dass wir die Interfaces nicht mehr im Gehirn, sondern an günstiger gelegenen Körperteilen einbauen. Eine Message von Zwerchfell zu Zwerchfell, von Darm zu Darm, von Haut zu Haut ist poetischer und plastischer als eine Information von Kopf zu Kopf. Körper erzählen, weil sie die Fragmente des Geistes gut bewahren, besser als der Ganzmensch formulieren könnte.

Seit die Ernährung spirituell möglich ist („der Mensch lebt nicht vom Brot allein“), haben die gigantischen Plantagen in Afrika, die die Chinesen dort angelegt haben, an Bedeutung verloren. Dafür ist es auf dem Planeten recht kalt geworden. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Klimakatastrophe und Erderwärmung, die noch vor zwanzig Jahren sich zeigte, von einer Eiszeit überholt wird. So ist das Mittelmeer jetzt eingefroren. Umso wichtiger sind die warmen Strömungen vor der Ostküste Brasiliens. Der Amazonas fließt inzwischen rückwärts über die Anden hinweg nach Westen. Warum das so ist, kann ich nicht beurteilen. Nichts geschieht so wie erwartet. Es sollte noch Fischschwärme vor Neufundland geben. Nichts davon. Andererseits sind wir Menschen zähe Lebewesen. Jeden Augenblick kommt ein neuer Mensch zur Welt, oft mit vertrauensvollem Blick. Gegen alle Wahrscheinlichkeit haben wir alle Krisen überlebt, auch den kurzen Krieg um die Spratly Inseln, der uns alle hätte umbringen können. Die Gene, welche die Vögel (als gefiederte Reptilien) und wir von unseren Voreltern (den Medusen) in uns tragen, sind träge und ticken gleichmäßig. Das mag uns gerettet haben.

Die Ukraine-Krise von 2014 spüren wir immer noch. Sie hat damals eine Explosion der Planstellen und gegenseitigen Rüstung in der NATO und in Russland hervorgerufen, die andauert. Aber wer von Dinosauriern weiß, kennt den Grundsatz, dass Waffen stets dem Waffenträger schaden. Sie veralten. Die Derivate, Korruptionen und unabgeräumten Minenfelder dagegen, die mit der Waffe verbunden sind, haben ewiges Leben. Das einzige Machtmittel, das ich für wirksam halte, ist das Blasrohr, eine Geheimwaffe, die jeden Tyrannen trifft, der sich öffentlich zeigt. Wagt er aber nicht, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, herrscht er nicht mehr lange. Daher mein Vorschlag, internationale Konflikte nicht mehr durch Sanktionen, Kriege oder Schiedsgerichte, sondern durch ein rituelles Fußballspiel und wenn das (wegen der aufgehetzten Zuschauer nicht funktioniert) durch Glücksspiel zu schlichten: die sogenannte brasilianische Lösung.