Néle Azevedo Wie man Vögel im Flug erreicht

Néle Azevedo
Néle Azevedo | Foto (Ausschnitt): Augusto Sérgio Albuquerque Soares

Im Ausschnitt meines Fensters ein graues, geometrisches Volumen, das eines großen Gebäudes, das den Himmel zerschneidet, der sich dahinter blau färbt. Jeder Morgen bringt ein Versprechen, das fast nie im Verlauf des Tages erfüllt wird.. 

Noch nie hatte ich eine Vorstellung von der Zukunft. Das Leben war so ungewiss, so hinkend, dass das Wort Zukunft nach Distanz klang, nach einem weit entfernten Land. Der unmittelbare und tägliche Überlebenskampf nahm die Gegenwart vollends in Anspruch. Man musste Wege finden, um zu überleben, Wege, um voller Wut zu spielen. Eine Welt zu erschaffen, war eine tägliche Aufgabe. Deshalb war die Zukunft immer eine erfundene Gegenwart, wie dieser Morgen, der mir blau verspricht.

Indem ich die Tage erfand, kam ich bin ins Alter von 50 Jahren. Draußen füllt der Lärm der Flugzeuge ständig den Raum. Aufeinanderfolgende Wellen von Personen kommen und gehen. Die Bewegung der Migration der Völker wurde in Richtung Süden umgelenkt, in einer Art städtischen Fischschwarms. Die Geografie ist im Fluss.

Wir befinden uns im Jahr 2064 und ich bin in São Paulo. Um die Welt von heute zu sehen, versuche ich, meine Beobachtungen zu zeichnen, aber um mich herum ist so viel Dunst, dass ich keine klare Sicht habe. Ich suche nach Spalten zwischen dem Erstaunen, der Vorahnung und der Hoffnung. Erst mal befinden wir uns inmitten eines Strudels, wir alle zerschmelzen wie monumentos mínimos, winzige Denkmäler, zwischen dem Wunsch, die Vögel im Flug zu erreichen, und dem, die Wellen unter unseren Füßen, unter unseren toten Fischschwärmen, zu überwinden.

Angetrieben von der Not und dem Mangel an natürlichen Rohstoffen, sind wir gezwungen, uns durch die Vision eines anderen zu begreifen, etwa die von Davi Kopenawa, einem Yanomami: Die Weißen schlafen viel, sie träumen aber nur von sich selbst. Wie wäre es, über uns hinaus zu träumen? Wie vergrößern wir unseren Traum zu einem Traum der Erde?

Zum einen hat der wirtschaftliche Erfolg der vergangenen Jahrzehnte uns von der Ungleichheit nicht befreit. Im Gegenteil sie vertiefte sich, da die Strukturen unserer Gesellschaft auf der Ungleichheit errichtet wurden, auf dem Erbe der langen Sklaverei, auf der Überlegenheit des modernen Denkens, das eine einzige Geschichte mit einer einzigen Zeit schreibt und damit die anderen Geschichten ausschließt und alles in dieser einzigen Zeit mit sich davon reißt. Zum anderen verbreiteten sich, Samen gleich, mikropolitische Widerstandsaktionen, autonome und kommunitäre Formen, um den landwirtschaftlichen Anbau, die Wirtschaft und die Kultur zu organisieren. Der lange und beschwerliche alltägliche Widerstand der indigenen Völker findet heute Gehör. Endlich werden andere Geschichten erzählt. Andere Formen, das Leben zu denken, haben sich stark verbreitet und gegenüber dem hegemonialen Denken Gestalt angenommen. Es sind genau jene Formen, die aus der Schwäche, aus dem Kleinen, aus dem Unsichtbaren und aus dem, was zum Schweigen gebracht wurde, hervorgingen, die die Welt in einen vielstimmigeren Ort verwandeln.

Die Aufgabe der Kunst ist es, Breschen aufzuspüren. Gewisse künstlerische Praktiken des Endes des 20. und Anfangs des 21. Jahrhunderts – die Interventionen im Stadtraum, die ephemere Kunst, die Installationen, Klangumwelten, die Relational Art, die die direkte Teilnahme des anderen als Mitschaffendem sucht und dabei die Grenze zwischen Leben und Kunst auflöst – wurden vom System, von den Institutionen, von den Unternehmen und der Werbung vereinnahmt. Die zielen darauf, den Konsumenten innerhalb der Stadt in Ambient Art einzutauchen, in „Interventionen“ des Privaten innerhalb des verbliebenen öffentlichen Raumes; sie hüllen sich in ästhetisches Gewand, sie entbehren aber jeglichen Sinnes für Kritik.

Ganz gleich, welche Technik uns heute zur Verfügung steht. Die Aufgabe, Breschen oder Lücken zu suchen, ist flüchtig. Es gibt einen Kampf um die Lücke, eine Lücke, die sich schließt, und es ist notwendig, andere zu suchen, ohne die ausgetretenen Pfade zu beschreiten. Anders als die Flugzeuge, die auf festgelegte Routen geschickt werden, entwerfen Vögel ihren eigenen Flug.

Also, jetzt bricht ein neuer Tag an, und wir werden die Werkzeuge suchen, um das Getriebe in Gang zu setzen, werden die Füße in die Fußstapfen des Vortrags stellen und die Verbindungen wiederaufnehmen und uns nochmals der Namen versichern. Aber was haben wir eigentlich geträumt? Wir werden uns nun daran machen, den Tag zu errichten...