Feridun Zaimoglu Vaterliebe

Feridun Zaimoglu
Feridun Zaimoglu | Foto (Ausschnitt): Klaus Haag

Knechtkerl, erster Zucht, im Brutglas gemacht, im fünfzigsten Jahr für makelhaft befunden, und also aus dem Brutschwarm ausgesondert. Ich beuge mein Haupt. Ich senke die Augen, ich empfange die Gabe. Meister, in der Herrenvaters Dienst, spritzt mir Atekonn. Glühender Leib ich. Kein Kapselmann mehr ich. Kapsel zerbricht. Knechtkerl Ferr Dunn erwacht. Die Spritze wird zermalmt im Mörser vom stählernen Stößel. Am Ende des Tages werd ich erblinden. Zehn Stunden Leben, bis ich vergehe. 

 Magd Tamra gab man arbeitsfrei. Sie führt mich, bis die Frist verstreicht. Sie spricht: ´Verknote nicht die Hände.` Ich gehorche. Der Todessaft hat mir die Stirnbänder zerfressen. Blut schlucke ich herunter. Der Brut ist es verboten, den Aufzug zu benutzen. Wir gehen durch finstere Tunnel, wir klettern die Stahlsprossen an den Wänden großer Schächte hoch. Wachtherren an den Schranken. Tamra spricht die Worte der Losung und der Befugnis. Hände an den Flanken. Atem anhalten, reglos im Abtastkasten. Wachtherr nennt mich eine werdende Leiche. Blutleiche ich, Blut spült meinen Rachen, wunde Leiche ich. An der letzten Schranke spritzt man der Magd das Gift. Sie wird in der Nacht zerfallen, so sie denn nicht heimkehrt ins Maschinenhaus. Man zeigt ihr das Gefäß mit dem sämigen Gegengift. Wir beugen das Haupt, wir senken die Augen. Eine Herrlichkeit liegt in den Dingen. Gesänge der Verherrlichung unseres Vaters, des gezeugten Alleszeugers, ich schaue auf zu den Lautkisten an hohen Masten, zu den Kriegsbannern, die Starkluftbälge anblasen, auf daß sie im Winde knattern. Kampf, immerwährend. Kampf vereint. Magd und Knechtkerl auf Knien, sie wispert, ich krächze: Lass in uns keimen Tötungslust. Hetze uns als die Deinen auf deines Glanzes Feinde. Dies Gebet stärkt mich. Sterben ist ein erster Schritt.

Wir sind frei, umher zu gehen im Gebiet. Grauer Stahl ist unser Himmel, die Luftlöcher sind vergittert. Magd zerrt mich zu den Lustbaracken, übergibt mich der Liebedienerin. Sie entkleidet sich, ich schlucke Blut und starre, sie wäscht mir Gesicht und Hände, ich huste Klumpen in den Spucknapf. Meine Entmannung fand im zehnten Jahr statt, sie streichelt die große Narbe. Ich schenke ihr die kupferne Vatermünze, doppelter Lohn für die Arbeit. Tamra fragt, ob sie mich mit weichen Händen koste. Ich sage: ´Mit Kupfer habe ich die bezahlt´. Das hebt die Stimmung. Meine Brutschwester wird länger bleiben im Maschinenhaus, da man an ihrem Diensteifer nicht zweifelt. Noch nie hat sie sich an einer spiegelnden Scherbe betrachtet. Jedes Spiegelbild ist eine zweite Gestalt zwischen dem Diener und dem Herrenvater. Wir bedecken die Augen, als wir an der kleinen Pfütze vorbei laufen.

Ich trinke mein eigenes Blut, es füllt meinen kleinen Magen. Er ist verkleinert worden fünf Monate nach meiner Entmannung. Nicht hungrig, Angstschweiß. In den Schatten lauernde Klingen: Lobpreiser des Todes voller Schmerzen. Sie stoßen mich in eine andere Richtung, weg von ihnen, die ein großer Fleischhunger quält. Sie sind Zuchtmißratene, niederste Brut, offene dunkle Mäuler, große Mägen. Eine Herrlichkeit ist in den Dingen. Jede Geburt ist heilig, kein Spottgeschöpf darf von den Herrinnen Hebammen erdrosselt werden. Im Lebenshaus, am Platz der Vaterstatue, sind wir geworden. Dort, vor dem Tor, treffen wir All Bann: Atekomm hat ihn in den Rausch versetzt. Er spuckt Fetzen seines Gaumens heraus, schreibt mit der Fingerspitze in die festgestampfte Erde: ´Mein Fluch verdorre ihn´. Sofort springen ihn die Klingen an, zerschlagen ihn in der Finsternis, die sie behausen. Ich habe gelernt: Vaterhaß ist Wahnverstrickung. Mit All Banns Überresten wird man den Garten eines Herren düngen. Es sollen in der gesegneten Erde Pflanzen gedeihen, die zu allen Jahreszeiten Früchte tragen. Noch nie sah ich die Gebiete außerhalb des Gebiets. Knechtkerl Ferr Dunn, Drohne im Maschinenhaus, hat keine würdelosen Wünsche. Schroffe Seele in mir, von Heimsuchungen verstört, krampft ein letztes Mal. Magd hilft, geleitet mich zu den Wachherren am Haus der Kammern, dreht sich um und geht grußlos davon. In der ersten Kammer lege ich Kittel, Hose und Unterwäsche ab. In der zweiten Kammer knie ich vor dem Bildnis des gezeugten Alleszeugers, ich bete: Krieg, immerwährend. Du führst. Gemacht bin ich, gedient habe ich, verwinden werde ich. Dank in Demut. In der dritten Kammer lege ich mich auf die Metallpritsche, schlucke mein eigenes Blut, und warte, daß ich ersticke. Bald.