Beatriz Bracher Der Nebel meiner Großmutter

Beatriz Bracher
Beatriz Bracher | Foto (Ausschnitt): Mari Stockler

Ich bin fünfzig Jahre nach meiner Großmutter geboren. Anlässlich des einhundertsten Jahrestags ihrer Geburt haben wir beschlossen, ihren unveröffentlichten und erst kürzlich entdeckten Roman Vorwort herauszubringen. Die von ihr für die Hauptfigur konstruierte Erzählform, eine Autorin, die ihr Gedächtnis verliert, aber auch die Tatsache, dass meine Großmutter sich gegen eine Veröffentlichung zu Lebzeiten entschied, machen es schwer zu sagen, ob der Roman unabgeschlossen oder das Unabgeschlossene Teil seiner Struktur ist.

Im Jahr 2064 schreibt Mirna, die Erzählstimme, mitten in der Mata Atlântica das Vorwort zu drei Erzählungen, die sie in ihrer Jugend verfasst und nie veröffentlicht hat. Sie ist 65 Jahre alt, und neben ihrem Computer steht ein Ordner mit Untersuchungsergebnissen, die die Diagnose dessen bestätigen, was sie „die Krankheit“ nennt..

Die Zukunft war in Vorwort wichtig, um mit dem nötigen Abstand über die Vergangenheit sprechen zu können. Mirna hat ihre Jugend, das Thema der drei unveröffentlichten Erzählungen, in den 2010ern erlebt, geschrieben hat sie die Erzählungen in den 20ern. Meine Großmutter erdachte eine Mirna, die allein in einem kleinen Haus mitten im Wald lebte, wodurch meine Großmutter die Jahre gewann, die sie brauchte, um die Erzählungen und deren Thema ausreichend altern zu lassen, ohne aber eine Welt in der Zukunft erschaffen zu müssen.

Mirna erklärt, warum sie die Erzählungen nach deren Fertigstellung zurückgehalten hat:
1. das [die Vergangenheit] gehörte nicht nur mir;
2. 2. ich hätte andere vielleicht damit verletzt;
3. 3. es war leicht.
Diese drei Gründe haben mit Ehrlichkeit zu tun, damit, sich an die Spielregeln halten zu wollen.


Zu dem, was Mirna von anderen brasilianischen Autoren ihrer Generation unterschied und was mit der Veröffentlichung der Erzählungen enthüllt worden wäre, gehörte ihre Kindheit in der Favela, Missbrauch und Gewalt; ich sagte mir, für solche Dinge bekannt zu werden, müsse so demütigend sein wie dafür bekannt zu werden, dass man schön war.
Warum also habe ich letztlich beschlossen, mich nicht an die Spielregeln zu halten?
Ich bin fünfundsechzig geworden, wie viele Tage das her ist, weiß ich nicht. Schreiben allein ist nicht genug, mein Bewusstsein verlässt mich, die Untersuchungsergebnisse bestätigen, dass ich progressiv und irreparabel mein Gedächtnis verliere; was ich bin, ist mein Bewusstsein, und das verdunstet. Ich bin zur Gesamtheit der Prosa geworden, die ich bis heute veröffentlicht habe, weiß um das Leben, das sich in meine Romane eingeschmuggelt hat, und weiß, wie sehr ich das Abbild des Selbst bin, das in ihnen umherstreunt. Wir koexistieren schon so lange, dass wir uns gegenseitig beeinflussen und ich mich manchmal schon für dieses Selbst halte. Aber es gibt eine Vergangenheit, die nicht mit diesem Abbild beladen ist, und es fehlt mir, diese Vergangenheit zu erkennen. Ich muss mich als Mensch mit den Augen meiner Leser sehen, brauche mich selbst im Blick der mir Unbekannten, um dem, was ich in meiner Erinnerung gewesen bin, so nah wie nur möglich zu kommen.


Meine Großmutter ist im Dezember 2023 mit 59 Jahren ohne Erinnerungsvermögen gestorben, genau wie ihre Romanfigur. Anfang des Jahres hatte sie sich untersuchen lassen und die Diagnose „Altersdemenz“ erhalten; sie hat keine zwölf Monate mehr gelebt. Ich glaube, die letzte Datei von Vorwort stammt aus dem Jahr 2016, als meine Großmutter noch keine auffälligen Anzeichen der Krankheit zeigte. Mehr noch als in ihren anderen Büchern sah ich sie unverhüllt und wie sie sich Seite für Seite auflöste. Mirna ist schwarz, in der Favela groß geworden, wurde missbraucht und schlecht behandelt. Meine Großmutter war weiß, war reich und hatte meines Wissens eine behütete Kindheit. Trotzdem ist Vorwort so unverschämt autobiografisch wie kein anderes ihrer Bücher. Im Grunde geht es ums Schreiben, um das Gedächtnis und das, was sie „den öffentlichen Ort in Uns“ nennt. Und vielleicht ist die Art, wie sie die Figur einer schon alten und bekannten Autorin entwickelt hat, der es schließlich gelingt, über ihr Privatleben zu sprechen, das Berührendste an diesem Buch; eine Autorin, die noch während des Schreibens an ihrem Vorwort immer wieder große Stücke ihrer Vergangenheit vergisst, Wörter durcheinanderbringt und letztlich den Verstand verliert. Ich, die ich meine Großmutter in ihrem letzten Jahr begleitet habe, bin verblüfft, mit welch erschütternder Präzision sie beschrieben hat, was später mit ihr geschehen ist. Man könnte auch sagen, sie hat das Drehbuch geschrieben, das ihre eigentliche Hauptfigur Jahre später aufführen würde, und dessen Anweisungen sie selbst genauestens gefolgt ist.

Obwohl sie sehr bemüht war, die Zukunft durch nähere Beschreibungen weder der Umwelt und Technik noch der sozialen und politischen Umstände zu charakterisieren, weshalb sie eine Romanfigur im Wald anlegte, ist das Jahr 2064 in Vorwort zweifellos eine Zukunft, die 2010 erdacht wurde. Was die Erzählstimme Mirna „den öffentlichen Ort in Uns“ nennt und wo sie gern ihr Gedächtnis archivieren möchte, eine körpereigene externe Festplatte in den Lesern, auf die man zugreifen kann, war die Vorwegnahme unseres heutigen Fog. Das Jahr 2064 in Vorwort wird dadurch anachronistisch, dass eine 1999 geborene Person wie Mirna ihre Vergangenheit außerhalb dieses Fog konstruiert hat, außerhalb des Fog gelebt hat und darum erklären muss, weshalb sie „öffentlich sichtbar sein“ und durch die Augen ihr Unbekannter so nah wie möglich an das herankommen will, was sie ihrer Erinnerung zufolge gewesen ist. Die Scham, die Mirna fühlt, als sie ihr Leben und die Wahrheit ihrer Vergangenheit offenbart, aber auch ihr Zögern sind für uns Leser in der Gegenwart, die wir unauslöschliche, wenn auch mutierende Einträge eines immer fabulöseren Alltags angelegt haben, nicht nachvollziehbar. Wir leben, was wir schreiben, unsere Schritte und Dialoge sind genau das, was Vorwort für meine Großmutter war, nicht für Mirna: Drehbücher für unser zukünftiges Leben. „Kriege sind da, um sie in Verse zu kleiden“, sagte Homer; wir leben, um uns zu besingen; wir leben, indem wir uns besingen.

Morgen ist mein fünfzigster Geburtstag, als sie starb, war ich neun Jahre alt. Ihre Stimme fehlt mir, und ihr Schoß, auf dem ich saß und ihren Geschichten lauschte.