Criolo Heute

Criolo
Criolo | Foto (Ausschnitt): Caroline Bittencourt

heute zählt man nicht mehr die zeit, die zeit zählt uns. ich glaube, das schon irgendwann gespürt zu haben.

das zählen der uhr, tick, tick, tick und das zählen vom erzählen und sie lacht, wenn sie uns beschreibt, so wie perlen, die aus einem becher fallen und sich über einen tisch verteilen, der aus einem stamm besteht, der die jahresringe von dem zeigt, der eines tages ein werter herr baum gewesen war.  

wie ein halbgeöffnetes fenster, durch das der wind pfeift, bin ich heute aufgewacht, kein pokal, nur ein glas auf dem möbel neben dem bett, das einige hartnäckig stummer diener nennen ... stummer diener? ein möbel?

unbeweglich bin ich heute aufgewacht, im haar die hände, die mir ein lächeln entlocken, mit meinem silbergrauen haar, aber mit den füßen so, mach dir nichts draus, ich komm damit aus, auch wenn sie jetzt langsam sind, taugen sie noch.

glücklich wegen der münder, die ich küsste, mit der einen oder anderen ausnahme, und mit der sehnsucht nach denen, die ich beinah geküsst hätte, habe ich bemerkt, dass in unserer kultur der kuss wie ein schlüssel für eine tür ist, die uns ins unendliche bringt, doch kein kuss besser als jener ist, der vom mund der freiheit stammt.

heute zählt man nicht mehr die zeit, auch nicht für meinesgleichen und so wie das pfeifen des spalts des alten fensters erscheint mir die welt unsicher, ohne zu wissen was anstellen mit all dem, und sich beschränkend auf einen stillen diener.