Harald Welzer Als Harald Welzer 50 wurde

Harald Welzer
Harald Welzer | Foto (Ausschnitt): vhw

Was zum Zeitpunkt meiner Geburt ganz und gar nicht absehbar war: Wir leben heute tatsächlich in einer nachhaltigen Welt. Das ist unter anderem auch daran ablesbar, dass das Wort „Nachhaltig“ weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, genauso übrigens wie „Innovation“, was vor einem halben Jahrhundert auch so ein Modewort war. Gesellschaften sprechen immer über das, was sie nicht sind, und die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts waren in Sachen Zukunft ein Desaster. Niemals zuvor war die Zerstörungsgeschwindigkeit von Überlebensgrundlagen so hoch wie damals, und nie zuvor waren die Eliten so radikal in der Verhinderung von Wandel. Darum redeten sie so viel darüber.

Zum Glück ließen sich viele Menschen, die an ihrer eigenen Zukunft und die ihrer Kinder und Enkel interessiert waren, nicht länger gefallen. Es entstand in erstaunlich vielen Ländern gleichzeitig eine soziale Bewegung, die die ökologische Zerstörung auch als soziale Ungerechtigkeit gegenüber den Benachteiligten der Gegenwart und der Zukunft definierten und damit eine Breitenwirkung entfalten konnten, die zum Beispiel klimapolitisch allein nie erreicht wurde. Zudem beschränkte man sich nicht auf Protest und Skandalisierung, sondern griff die zerstörerischen Geschäftsmodelle der Agrar- und Mineralölwirtschaft durch Divestment, also Kapitalentzug an. Zugleich entwickelte man ein gemeinwohlökonomisches Unternehmertum, das nicht auf die Mehrung individueller Vermögen, sondern auf die Erhöhung des Gemeinwohls gerichtet war. Mit all dem folgte man Nikolai Kondratieffs Überzeugung, dass soziale Bewegungen, die selbst nicht andere Wirtschaftsmodelle praktizieren, machtlos sind, weil sie von ihren Gegnern wirtschaftlich jederzeit erpresst werden können. Die neue soziale Bewegung war selbst transformativ und entwickelte genossenschaftliche Projekte in den Bereichen Güterproduktion, Ernährung, Mobilität und Wohnen. Seither gilt es als cool, nur noch so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu haben. Es war der Lifestyle des Loslassens, den die neue soziale Bewegung vorlebte (LORAF = Lifestyle of Relief and Fun): Was man nicht hat, braucht keinen Raum, was man nicht hat, kann nicht geklaut werden, was man nicht hat, braucht nicht umzuziehen, was man nicht hat, kostet nichts. Umgekehrt erhöht sich die Nutzungsdauer jedes Produkts durch seinen sozialen Gebrauch. Man hatte schnell viel weniger: Die durchschnittliche Menge an Produkten, die jeder Deutsche besitzt, ist von 10.000 im Jahr 2014 auf heute 500 abgesunken. Der Materialverbrauch hat sich mithin radikal vermindert, die Emissionsmenge ebenfalls. Der Spaß hat sich vervielfacht, die verfügbare Zeit vermehrt: Man verschwendet sich nicht mehr an Konsumentscheidungen.Man kann sich kaum noch erinnern, wie viel die Leute vor 50 Jahren gearbeitet haben. Klar: Weil der Rückgang der Produktion erheblich weniger Arbeitskraft und -zeit erfordert. Anders als im Spätkapitalismus führte der Produktivitätsfortschritt seit den 2030er Jahren nicht mehr zum Abbau von Arbeitsplätzen, sondern zur Verkürzung der Arbeitszeit. Viele Beschäftigte arbeiten heute nur noch halbtags; sie verdienen natürlich auch nur noch die Hälfte, was sich auf den Lebensstandard aber kaum auswirkt, weil sie insgesamt weniger Geld für Konsum brauchen.

Übrigens haben sich nach dem Desaster des Dollarcrash von 2016 auch die Regionalwährungen schnell verbreitet: Sie sind nur in begrenztem Radius gültig und verkürzen auf diese Weise die Wertschöpfungsketten. Geschäfte, die Regionalwährungen akzeptieren, wählen Zulieferer, die sich in derselben Währung bezahlen lassen; deren Beschäftigte bekommen einen Teil ihres Gehalts ebenfalls in der Regionalwährung ausgezahlt. Regionalökonomien können perfekt mit genossenschaftlich organisierten Unternehmen korrespondieren.

Über den Zeitwohlstand haben sich nicht nur erweiterte Möglichkeiten der selbstorganisierten sozialen Arbeit und der Eigenarbeit ergeben, sondern über die damit wieder enger geknüpften sozialen Netze auch Reorganisationen lokaler politischer Öffentlichkeiten. Die Leute nehmen heute die öffentlichen Angelegenheit viel stärker wieder als ihre eigenen Angelegenheiten wahr und befinden kommunen- und quartiersweise über künftige Strategien der Energieversorgung, der Sozialdienste oder der Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs.

Am besten angesehen in der reduktiven Moderne sind die, die das in jeder Hinsicht leichteste Leben führen und sich am stärksten für das Gemeinwohl engagieren. Dabei gelten diejenigen mit den verwegendsten und scheinbar unmöglichsten Ideen als besonders interessante Role-models; es macht auch nichts, wenn sie scheitern, sofern sie elegant und nonchalant scheitern. Probieren und experimentieren gilt als sexy, Selbstironie und Großzügigkeit als lässig, Selbstdenken wird bewundert. Smartphones und Apps gelten als historische Verirrung, die zum Glück nur kurz währte.