Kathrin Passig Smartshoes

Nehmen Sie schon auf? Ach so, alles? Immer? Für mich wär das ja nichts, ich bin da altmodisch, ich hab's gern, wenn man die Sachen auch mal ausschalten kann. Ihres kann man wahrscheinlich gar nicht ausschalten, oder? Meins hat ja hier noch so ein ... da, sehen Sie? Kennen Sie gar nicht mehr, oder? Na gut, eigentlich mach ich das auch nie. Es ist mir ja auch immer so peinlich beim Fliegen, wenn extra die Durchsage kommt, dass man bei Start und Landung auf keinen Fall die elektronischen Geräte ausschalten darf, weil dann sonstwas passieren kann. Nur wegen alten Schachteln wie mir müssen die das immer noch machen ...

 Also, worüber wollten wir reden, ach ja, Thema Schuhe. Ich wollte mir neue Schuhe kaufen, und die Entscheidung zwischen den Betriebssystemen fällt mir immer schwerer ... Das ist so kompliziert geworden! Beim einen zahlt die Kasse nur den Grundbetrag, aber nicht die Apps. Beim anderen muss man sich um die Wartung selbst kümmern. Oder lieber die Schuhe umsonst und nur fürs Rumlaufen bezahlen? Das hat ja alles seine Vor- und Nachteile. Ja ja, ich weiß schon, Shunix gibt es auch noch, hab ich sogar mal ausprobiert, man hört ja immer, dass da inzwischen auch normale Menschen damit umgehen können. Aber für mich war das nichts, und dann sehen die Schuhe auch so hässlich aus. Klar, wenn man irgendein Problem mit Shoegle oder mit Hootboot hat oder die Schuhe abstürzen, dann rufen die Experten alle im Chor: "Mit Shunix wär dir das nicht passiert!"

Na ja, aber das sind ja alles noch harmlose Probleme. Kaufen Sie mal mit Ihren Eltern Schuhe! Ich hab das Problem ja mittlerweile, die beiden sind nicht mehr so mobil, und es ist immer dasselbe: Erst bestehen sie drauf, dass wir in einen Laden gehen, einen für Schuhe, "wo denn", hab ich beim ersten Mal gesagt, "im Museumsdorf oder was?", aber es gab dann wirklich noch einen, da, wo sie wohnen. Und dann wird es erst richtig schwierig, denn was keine Schnürsenkel hat, das ist für die kein richtiger Schuh. Schnürsenkel, kennen Sie das noch? Wir haben das ja noch richtig gelernt im Kindergarten, in den Zehnerjahren, mit so einem Schleifenbindebrettchen. Kann heute auch keiner mehr. Aber meine Eltern bestehen halt drauf, aber Technik darf keine dran sein, also: gar keine, noch nicht mal ein Navi. Naja, ich kanns irgendwie auch verstehen. Wir sind da ja noch reingewachsen, aber inzwischen sind es, glaube ich, drei volle Ausbildungsjahre, nur zum Thema Schuhe! Ich glaube, damit hatte es auch zu tun, dass sie beim Abitur von G8 auf G15 hochgegangen sind, aber das war nach meiner Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr, wie man jemals im Gehen lesen konnte, ohne dass die Schuhe mitdenken. Vermutlich ist man ständig gegen Straßenmöbel und vor Autos gelaufen. Und in Hundehaufen getreten! Ehrlich gesagt mache ich das heute noch manchmal absichtlich, nur weil ich es immer noch so schön finde, wenn der Schuh sich wieder sauberleckt. Na gut, und natürlich auch wegen des automatischen Bußgeldbescheids, den der Hundehalter zugestellt bekommt. Da kenn ich nix. Wer sich keinen Kotbot leisten kann, der kann sich halt auch keinen Hund leisten, sag ich immer.

Doch, es ist schon vieles besser geworden. Die ersten Smartshoes, die ich hatte – ja, Sie lachen, das hieß halt damals so –, die durften noch nicht mal nass werden. Ich weiß nicht, ob Sie sich da noch dran erinnern, aber dass heute alle Geräte ihre Energie aus Nasswerden und Runterfallen beziehen, das hat nichts damit zu tun, dass den Leuten vor fünfzig Jahren regelmäßig die Telefone ins Klo gefallen sind. Das hat tatsächlich mit den Schuhen angefangen. Das ging ja auf die Dauer nicht, dass nach jedem Regenschauer wieder alle neue Schuhe brauchten. Obwohl es für die Hersteller sicher schön war! Aber wie uns die Leute angeguckt haben, wenn wir bei Regen lieber barfuß rumgelaufen sind, das war schließlich teuer, so ein Wasserschaden. Damals musste man noch Opfer bringen, wenn man Early Adopter sein wollte! Nicht so wie heute, meine Güte, Early Adopter ist ja inzwischen Ausbildungsberuf oder so was. Geld dafür kriegen, dass man sich mit den Macken von neuen Produkten auseinandersetzt – wenn uns das damals jemand erzählt hätte, den hätten wir ausgelacht.