Bolivien
„Wer Hunger hat, hat keine Angst“

Foto: Pedro Hamdan

Die Schriftstellerin Yola Mamani zeigt, dass in Bolivien die Angst vor der Zukunft größer ist als vor dem Coronavirus.

Von Yola Mamani

Rosa Mamani hat Angst vor dem Eingesperrtsein und davor, nutzlos zu sein; doch mit ihren 78 Jahren hat sie keine Angst vor COVID-19. Ihre Tochter Carmen, 55, sorgt sich um die Zukunft ihres behinderten Sohns; vor dem Coronavirus nimmt sie sich in Acht, doch ohne Furcht. Mit diesen Ängsten im Gepäck und inmitten der von Bolivien verhängten Quarantäne gehen die beiden dreimal pro Woche mehr als zehn Kilometer zu Fuß, um ein Auskommen zu haben.

Sie sind Aufpasserinnen eines Lagers, das ihnen als Zuhause dient. Es liegt in Callapa, einem Stadtviertel im Osten von La Paz und über fünf Kilometer von ihren Straßenständen im Zentrum der bolivianischen Hauptstadt entfernt. Am 20. April bin ich mit ihnen bis nach Hause gelaufen.


Von der „Dienstbotin“ zur Obsthändlerin

Rosa Mamano verkauft seit fünfzig Jahren Obst in Sopocachi. Sie ist eine Chola wie ich, eine Aymara, die Rock und lange Zöpfe trägt. Sie war Hausangestellte, so wie ich. Trotz des gemeinsamen Nachnamens sind wir nicht miteinander verwandt, aber sie ist jetzt meine Freundin. Ihr Obststand ist ihr wertvollster Besitz.

Wir treffen uns um 11.20 Uhr, und vier Stunden lang fließt das Aymara, unsere Muttersprache. Rosa nimmt die Warnung der bolivianischen Behörden ernst: Wir werden uns alle anstecken. Sie denkt nicht daran, sich einzusperren, aber sie passt auf: Beim Verkauf benutzt sie eine Maske und Handschuhe und sie nimmt Obst, Gemüse und heißen Tee zu sich.

In ihrem Gehtempo laufen wir nach Miraflores, und in der halben Stunde erfahre ich viel über sie. Sie wurde in der Provinz Camacho geboren, der sie mit 15 Jahren den Rücken kehrte. Sie arbeitete als Hausangestellte, als wir noch „Dienstbotinnen“ genannt wurden, erduldete Ausbeutung, konnte sparen und kaufte sich mit 28 Jahren den Obststand, von dem sie lebt.

Die Anfälligkeit der älteren Menschen

Rosa Mamani geht um halb vier Uhr morgens von zu Hause los und braucht etwa vier Stunden zum Obstmarkt, wo sie den Produzentinnen Ware abkauft. Mit um die zehn Kilo auf dem Rücken geht sie zwanzig Straßenblocks bis zu ihrem Stand. „Wer Hunger hat, hat keine Angst.“

Sie hat immer acht Stunden täglich auf der Straße verbracht, deshalb fürchtet sie sich, mehr als vor der Krankheit, vor dem Eingesperrtsein. Sie hat auch Angst, wenn es regnet. Am 26. Februar 2011 wurden ihr Viertel und weitere vom sogenannten Megaerdrutsch begraben. Über sechstausend Menschen waren davon betroffen, und trotz Wiederaufbau weisen die Straßen immer noch Risse auf.

Wegen der Geschichten, die sie erzählen, und der sich verändernden Umgebung macht das Gehen Spaß. Carmen ist auch eine Chola, sie ist die Tochter, die Rosa von ihren sieben Kindern geblieben ist. Carmen hat drei Töchter im Alter von 22, 18 und 13 Jahren und einen achtjährigen Sohn, der wegen seiner Behinderung viel Pflege braucht. Ihr Mann ist gewalttätig, „hasst“ ihre Mutter und beschimpft und demütigt sie beide.

Am Beginn der Quarantäne wurden sie von Fahrern mit Berechtigung mitgenommen, aber jetzt tut das aus Angst vor dem Bußgeld keiner mehr. Carmen nimmt Rosa das Bündel ab, da sie müde ist. Nutzlos zu sein, ist eine weitere Befürchtung der Obsthändlerin, und alles, was sie über COVID-19 hört, weist auf die Anfälligkeit der älteren Menschen hin; sie wehrt sich sehr dagegen.

Ohne Wasser und ohne Badezimmer

Wir erreichen Villa Armonía. Es ist 13.45 Uhr und die Geschäfte sind geöffnet, obwohl sie ab 12.00 Uhr geschlossen sein sollten. Nach einer weiteren Stunde gelangen wir nach Alto Kupini, wo die Häuser am Berghang zu „kleben“ scheinen. Es gibt viele Straßenhunde, und ich bekomme Angst. Vor einiger Zeit hatte ich wegen eines Bisses eine Tollwutbehandlung.

Es ist 15.20 Uhr. Callapa empfängt uns mit Staub und Kindergeschrei. Wir halten vor einer Garage, in der zwei Traktoren stehen, dahinter liegen zwei Zimmer und ein kleiner Acker. Es ist ihr Zuhause. Sie haben weder ein Badezimmer noch fließendes Wasser. Wir verabschieden uns. Carmen hat Angst, dass ihr Mann mich sieht.

Auf dem Rückweg bin ich allein unter Männern: Aus einer Werkstatt pfeifen sie mir hinterher. Aus einem Wagen ruft ein Mann: „Soll ich dich mitnehmen?“ Arbeiter, die Bürgersteige desinfizieren, begießen mich mit Wasser, ich fluche, aber ignoriere sie. Ich gehe wachsam, schnell, ich will noch bei Tageslicht zu Hause ankommen. Ich treffe auf vier Techniker, die die Leitung fürs Kabelfernsehen reparieren, eine der nachgefragtesten Versorgungsleistungen für die ausgangsbeschränkte Bevölkerung. Nach einem kurzen Gespräch bieten sie mir an, mich mitzunehmen.

Ich denke daran, dass ich noch über eine Stunde Weg durch einsame und dunkle Straßen und zwischen den nächtlichen Hundemeuten vor mir habe. Ich denke daran, was Rosa gesagt hat, dass sie keine Angst habe, im Dunkeln durch die Straßen zu laufen, weil sie wegen ihres Alters niemand mehr vergewaltigen würde. Ich hole tief Luft, benachrichtige per WhatsApp meine Freundin und steige ins Auto. Fünfzehn Minuten später komme ich zu Hause an und mein ajayu, meine Seele, kehrt wieder in meinen Körper zurück.
 

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