Gastland Buchmesse 2019
Norwegische Bücherflut

Besucher*innen genießen die Sonne an der Osloer Oper.
Besucher*innen genießen die Sonne an der Osloer Oper. | Foto (Detail): Darya Tryfanava © Unsplash

Norwegen ist dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die Autorin und Journalistin Alva Gehrmann erzählt von den Besonderheiten des dortigen Literaturbetriebes und von abenteuerlustigen Autoren.

Von Alva Gehrmann

Mein erstes Zuhause in Oslo war das Litteraturhuset. Im unabhängigen Literaturhaus am Rande des Schlossparks finden auf vier Etagen jährlich über 1700 Veranstaltungen statt. Das Café und der Buchladen liegen im Erdgeschoss. Etliche der dort verkauften Bücher entstehen unter dem Dach des Hauses im skriveloftet, dem Schreibloft. Auf dieser Etage können Schriftsteller*innen, Übersetzer*innen und Journalist*innen wie ich arbeiten und sich austauschen. Und so regnen unsere kreativen Schöpfungen hinab in die Veranstaltungsräume, wo daraus vorgetragen wird, und sie sammeln sich im Buchladen in gedruckter Form zum Mitnehmen.
 
Ursprünglich orientierten sich die Gründer an deutschen Literaturhäusern, doch die Bandbreite von Events in Oslo ist international außergewöhnlich. An einem Tag erzählt Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus ihrem Leben, am nächsten Abend tragen lokale Debütautoren nervös ihre Texte vor. Mal diskutiert Greenpeace über die Zukunft des Landes, mal präsentiert ein Ölkonzern sein neues Konzept. Ein Highlight im Event-Kalender ist der monatliche Quizabend der Verlegerin Anne Gaathaug. So entspannt die Norweger*innen ansonsten sind, beim Sport und beim Quiz packt sie der absolute Ehrgeiz. Rund 100 Leute sitzen dann in Fünferrunden beisammen und lösen die kniffligen Fragen. Auch skriveloftet stellt stets mindestens ein Team.

Maja Lunde © picture alliance/TT NEWS AGENCY

KREATIV IM SCHREIBLOFT

Rund 500 Kreative besitzen einen Kartenschlüssel zum Schreibloft, das sie kostenlos nutzen können. Doch meist sind dieselben 50 Leute vor Ort, und so lernt man sich recht schnell kennen. Beim Mittagessen plaudern die Mitglieder über ihre Projekte oder ihren Familienausflug – mit dabei ist auch Schriftstellerin Maja Lunde. Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen“ war 2017 das meistverkaufte Buch in Deutschland. Mit „Die Geschichte des Wassers“ folgte 2018 der zweite Teil ihres geplanten Klima-Quartetts, der ebenfalls in die Spiegel-Bestsellerliste einstieg.

Maja könnte sich also problemlos ein eigenes Büro leisten. „Ich kann hier aber sehr gut schreiben und einige meiner Freunde sitzen im Schreibloft“, sagt die Mittvierzigerin. Meist schafft sie es nur zweimal pro Woche ins Büro, weil die restlichen Tage mit anderen Terminen gefüllt sind. Manchmal trifft die Autorin sogar Mitglieder der Königsfamilie. „Unsere Kronprinzessin Mette-Marit macht eine großartige Arbeit. Sie engagiert sich sehr für Literatur, die Natur und die Umwelt“, sagt Maja. „Die Königsfamilie hält auf ihrem Schlossgelände eigene Bienen.“
 
Eines von Mette-Marits Herzensprojekten ist der Literaturzug, den sie einmal im Jahr organisiert und mit dem die Kronprinzessin vor allem junge Leser gewinnen möchte. Ein Abteil wird dafür umgebaut, neben Büchern aus der Bibliothek stehen einzelne Exemplare ihrer privaten Sammlung. Wo der Zug haltmacht, sind die Bürger*innen willkommen, sich an Bord inspirieren zu lassen. Der Literaturzug reist jedes Jahr durch eine andere Region Norwegens, an den Abenden interviewt Mette-Marit Schriftsteller oder hört im Publikum sitzend aufmerksam zu. Zuletzt war Jostein Gaarder dabei, jener Autor von „Sofies Welt“, dessen Jugendroman in den Neunzigerjahren das internationale Interesse für die norwegische Literatur entfachte. Bis heute hat sich das Buch über 45 Millionen Mal verkauft und wurde in 64 Sprachen übersetzt.

Nächster Halt für den Literaturzug: Deutschland

Diesen Oktober fährt die Kronprinzessin, die Schirmherrin des Ehrengastauftrittes ist, begleitet von zahlreichen Autoren mit ihrem Literaturzug durch Deutschland. Einer von ihnen ist Karl Ove Knausgård, der durch seine autobiografische Romanreihe weltberühmt wurde. Der Star wird gemeinsam mit der jungen Sachbuchautorin Erika Fatland auf der Frankfurter Buchmesse die Eröffnungsrede halten. Fatland begibt sich in ihrem neuesten Buch „Die Grenze“ auf eine abenteuerliche Reise durch die Nachbarstaaten Russlands.

Dass den Norwegern trotz der erfolgreichen Gegenwartsliteratur die früheren Dichter sehr am Herzen liegen, beweist das Ehrengast-Motto „Der Traum in uns“, die Zeile stammt aus einem Gedicht von Olav H. Hauge (1908–1994), das zum beliebtesten des Landes gekürt wurde. Organisiert wird der Gastauftritt von Norwegian Literature Abroad, kurz NORLA. Die Institution ermöglicht die beachtliche Anzahl von Übersetzungen. 450 norwegische Bücher fluten nun innerhalb von 15 Monaten alleine den deutschsprachigen Markt.
Karl Ove Knausgård © picture alliance/APA/picturedesk.com

Norwegen fördert

Das norwegische Literaturfördersystem gilt als eines der besten der Welt. Es gibt zahlreiche Stipendien für junge wie für etablierte Autor*innen und ein staatlich finanziertes Programm, das dafür sorgt, dass aus einer Liste von 600 Neuerscheinungen pro Jahr jeweils bis zu 1500 Exemplare gekauft werden, die öffentlichen Bibliotheken im gesamten Land zugeteilt werden. So soll einerseits jeder Bürger Zugang zur Literatur haben und andererseits sichert dieser Bezug den Verlagen ein Minimum an Einnahmen.
 
Abgesehen vom Staat existieren einige private Förderinstitutionen, die wichtigste davon ist „Fritt Ord“, das Freie Wort. Wie der Name der Stiftung verrät, spielt für sie die freie Presse und freie Meinungsäußerung eine wichtige Rolle. Fritt Ord fördert jährlich Hunderte Projekte und initiierte die Gründung des Osloer Literaturhauses. Jenes Haus, das mein einziger Fixpunkt war, als ich anfangs noch in wechselnden Wohnungen übernachtete. Noch immer ist es für mich eine wichtige Anlaufstation zwischen meinen Reisen durch das langgezogene Land, dessen zerklüftete Küsten, tiefe Fjorde und hohe Berge seit jeher auch die einheimische Literatur prägen.

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