Urbanes Wassermanagement
„Wasser to go“ und ein schwimmender Bauernhof

Städte wachsen auf der ganzen Welt und der Bedarf an mehr Trinkwasser wächst mit ihnen.
Städte wachsen auf der ganzen Welt und der Bedarf an mehr Trinkwasser wächst mit ihnen. | Foto (Detail): © Adobe

Weltweit wachsen Städte und Metropolen, entsprechend wird dort auch mehr Trinkwasser gebraucht. Wie können Städte ihre Wasserwirtschaft nachhaltig gestalten? Wir stellen einige Ideen vor.

Von Petra Schönhöfer

Aus Berlins 132 öffentlichen Brunnen sprudelt kostenloses Trinkwasser. Rund 90 Prozent davon werden im Stadtgebiet selbst gewonnen. Aus Berlins 132 öffentlichen Brunnen sprudelt kostenloses Trinkwasser. Rund 90 Prozent davon werden im Stadtgebiet selbst gewonnen.
Aus Berlins 132 öffentlichen Brunnen sprudelt kostenloses Trinkwasser. Rund 90 Prozent davon werden im Stadtgebiet selbst gewonnen. Aus Berlins 132 öffentlichen Brunnen sprudelt kostenloses Trinkwasser. Rund 90 Prozent davon werden im Stadtgebiet selbst gewonnen. | Foto (Detail): © Adobe

BERLIN, DEUTSCHLAND

Berlin hat einen deutschlandweit einzigartigen Wasserkreislauf: Mehr als 90 Prozent des Trinkwassers kommen aus dem Stadtgebiet. Und zwar nicht nur das Wasser, das zuhause aus dem Wasserhahn läuft, sondern auch jenes, das aus den 132 öffentlichen Brunnen als kostenloses „Wasser-to-Go“ sprudelt. Für Berlins ausgeklügeltes Wassermanagement sind ein Abwassernetz mit 154 Pumpstationen, rund 9.600 Kilometer Kanalnetz und circa 1.170 Kilometer Druckrohrleitungen notwendig. Etliche Best-Practice-Beispiele finden sich im Stadtgebiet, etwa die „Offshore“-Mischwasserspeicher in der Spree, die Retentionsbodenfilter zur Niederschlagswasserbehandlung oder die vielen Grauwasserrecycling- und Regenwassernutzungsanlagen in Wohn- und Bürohäusern. Als größtes kommunales Unternehmen in Deutschland gewinnen die Berliner Wasserbetriebe mit der „Berliner Pflanze“ sogar einen besonders wasserfreundlichen Recyclingdünger aus Klärschlamm. Er verringert unter anderem das Algenwachstum in den umliegenden Gewässern.

„Garden City“ Singapur: Das viele Grün und die städtischen Parks, wie hier der Fort Canning Park, sind zu grünen Erholungsräumen für die Bewohner geworden.
„Garden City“ Singapur: Das viele Grün und die städtischen Parks, wie hier der Fort Canning Park, sind zu grünen Erholungsräumen für die Bewohner geworden. | Foto (Detail): © Adobe/Angelika Bentin

Singapur

Singapur ist grüne Stadt aus Tradition: Seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1965 strebt die Regierung an, aus dem Stadtstaat eine „Garden City“ zu machen. Üppiges Grün säubert die Luft und das Wassermanagement ist zum Vorbild für den Rest der Welt geworden. Nach und nach entstanden rund 8.000 Kilometer Wasserwege und 17 Wasserreservoirs. Während die Fünf-Millionen-Metropole vor 50 Jahren für die Wasserversorgung noch stark von seinem Nachbarn Malaysia abhängig war, stellt die Singapur inzwischen über drei Verfahren selbst Frischwasser her: Wiederaufarbeitung von Abwasser, Wasserauffang-Systeme für Regenwasser und Entsalzung von Meerwasser. Das Regenwasser wird über Pflanzen und Böden aufbereitet, ganz ohne Chemikalien, was die Artenvielfalt fördert und den städtischen Parks zugutekommt, die zu grünen Erholungsräumen für die Bewohner geworden sind. 

Augsburgs viele Kanäle liefern erneuerbare Energie und die kleinen Brücken bereichern das Stadtbild der Altstadt.
Augsburgs viele Kanäle liefern erneuerbare Energie und die kleinen Brücken bereichern das Stadtbild der Altstadt. | Foto (Detail): © Adobe

AUGSBURG, DEUTSCHLAND

2019 wurde Augsburgs historische Wasserwirtschaft von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Die herausragenden architektonischen Anlagen zur Fließgewässernutzung und zur Trinkwasserversorgung stammen aus dem 15. bis frühen 20. Jahrhundert, darunter der älteste Wasserturm und das älteste Wasserwerk Deutschlands (1901/1902). Das historische Kanalnetz entstand einst zusammen mit der florierenden Textilindustrie Augsburgs und ist, trotz Niedergang dieses Wirtschaftszweigs im 20. Jahrhundert, bis heute intakt. Augsburg blieb eine Wasserstadt: Seine vielen Kanäle liefern heute erneuerbare Energie, eignen sie sich aufgrund ihres gut regelbaren Volumenstroms doch besonders für Stromerzeugung durch Wasserkraft. Das fließende Wasser und die vielen kleinen Brücken bereichern darüber hinaus das Stadtbild der Altstadt.

Auf Rotterdams schwimmendem Bauernhof, der „Floating Farm“, leben 35 Kühe in einem Stall auf dem Wasser.
Auf Rotterdams schwimmendem Bauernhof, der „Floating Farm“, leben 35 Kühe in einem Stall auf dem Wasser. | Foto (Detail): © picture alliance/Mike Corder/AP Photo

ROTTERDAM, NIEDERLANDE

Manchmal ist aber auch zu viel Wasser eher das Problem als zu wenig. So im Fall der niederländischen Hafenstadt Rotterdam, die in großen Teilen bis zu sieben Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Der durch den Klimawandel bedingte ansteigende Meeresspiegel ist hier bereits spürbar. Zum Schutz des Stadtgebietes verfügt Rotterdam über ein beeindruckendes Deichsystem und das weltweit größte Sturmflutsperrwerk, den Maeslantkering. Dachgärten sollen zusätzliches Regenwasser abfangen, wie beispielsweise die 1.000 Quadratmeter große DakAkker Rooftop Farm, die fast 60 Liter Wasser pro Quadratmeter fasst, natürliche Kühlung bietet und für den Anbau von Lebensmitteln genutzt wird. Noch ungewöhnlicher ist der Ansatz der Rotterdamer „Floating Farm“: Hier leben derzeit 35 Kühe in einem Stall auf dem Wasser. Der schwimmende Bauernhof sammelt und filtert Regenwasser für die Kühe zum Trinken und nutzt Strom aus einem schwimmenden Solarkraftwerk.

Saubere Naturparks und die Nähe zum Wasser bestimmen das Leben im schwedischen Hammarby Sjöstad.
Saubere Naturparks und die Nähe zum Wasser bestimmen das Leben im schwedischen Hammarby Sjöstad. | Foto (Detail): © Adobe

HAMMARBY SJÖSTAD, SCHWEDEN

In den 1990er-Jahren war der Ort ein verschmutztes Industrieareal, erst für die Bewerbung als Olympisches Dorf rappelte er sich 2004 wieder auf: Hammarby Sjöstad liegt einige Kilometer südlich vom Stadtzentrum Stockholms. Aus der Bewerbung für Olympia wurde nichts, trotzdem ist Hammarby Sjöstad heute zum Öko-Star mit Vorbildfunktion geworden. Saubere Naturparks und die Nähe zum Wasser bestimmen das Leben der rund 30.000 Einwohner. Vorbildlich ist auch das Wassermanagement: In einer Kläranlage werden die Abwässer von 900.000 Stockholmern wiederaufbereitet. Die Abwärme wird zum Heizen genutzt und das Kaltwasser zum Kühlen für die Lagerhäuser von Supermärkten. Der verbleibende Klärschlamm wird zusammen mit dem organischen Müll zu umweltfreundlichem Biogas vergoren.

Die Gihon-Quelle am Tempelberg versorgte Jerusalem jahrtausendelang mit Trinkwasser. Heute gehören das antike Tunnelsystem und der Teich Siloah zu einem einmaligen archäologischen Park.
Die Gihon-Quelle am Tempelberg versorgte Jerusalem jahrtausendelang mit Trinkwasser. Heute gehören das antike Tunnelsystem und der Teich Siloah zu einem einmaligen archäologischen Park. | Foto (Detail): © Adobe

JERUSALEM, ISRAEL

Wasserknappheit ist in Israel seit Jahrzehnten ein Auslöser für Konflikte, aber das Problem hat sich zuletzt noch mehr zugespitzt. Dürreperioden werden länger und häufiger. Diese Wassernot hat erfinderisch gemacht: Tröpfchenanlagen bewässern Israels Felder computergesteuert. In Entsalzungsanlagen wird mittels Umkehrosmose aus Meerwasser so viel Trinkwasser gewonnen, dass sie rund die Hälfte des gesamten Wasserbedarfs decken können. Weltmeister ist Israel in der Abwasseraufbereitung: 75 Prozent des Abwassers wird hier wiederverwendet, vor allem in der Landwirtschaft. Rund 15 Prozent der israelischen Bevölkerung, etwa eine Million Menschen, leben in Jerusalem. Hier sorgte Jahrtausende lang die Gihon-Quelle im Kidron-Tal am Fuße des Tempelbergs für frisches Wasser. Heute gehören das antike Tunnelsystem und der Teich Siloah zu einem einmaligen archäologischen Park. Über das Umweltpreis-gekrönte Wasserversorgungsunternehmen Hagihon erhält die Stadt ihre Wasservorkommen, spart Wasser ein und fördert ein stärkeres Bewusstsein für Wasserqualität in der Bevölkerung, etwa für die Instandhaltung der beliebten Dach-Wassertanks.

Blick von Emeryville auf die Golden-Gate-Bridge: Die Kleinstadt in der San Francisco Bay sticht mit ihrem nachhaltigen Wassermanagement hervor.
Blick von Emeryville auf die Golden-Gate-Bridge: Die Kleinstadt in der San Francisco Bay sticht mit ihrem nachhaltigen Wassermanagement hervor. | Foto (Detail): © Adobe

EMERYVILLE, USA

Bekannt geworden ist die Kleinstadt in der Bucht von San Francisco vor allem als Firmensitz des Film-Unternehmens Pixar. Doch im Bundesstaat Kalifornien gelegen, der seit langem Vorreiter für Umweltschutz und erneuerbare Energien in den USA ist, sorgt Emeryville auch mit seinem nachhaltigen Wassermanagement für Aufmerksamkeit. Um Regenwasser besser nutzen zu können, setzt die Stadt nicht nur auf Zisternen und Wassertanks, sondern hat auch dafür gesorgt, parkende Autos sprichwörtlich von der Straße zu holen und in Innenbereichen unterzubringen. Dank großer Parkhäuser mit begrünten Dächern braucht es nun weniger versiegelte Parkfläche für Autos in der Innenstadt. Neben großen öffentlichen Kampagnen zu Themen wie Abwasser und Wassersparen kommen die Bewohner auch in den Genuss eines besonderen Landschaftsprogramms. Durch Abfallvermeidung und reduzierten Düngerverbrauch, unter anderem, wird die Kulturlandschaft der Bucht bewahrt. Dadurch steigt nicht nur die Lebensqualität, entlang der San Francisco Bay ist auch neuer Artenreichtum entstanden.

 

Top