Berlinale-Blogger 2020
Die Kraft der brasilianischen Filme

Todos os mortos | All the Dead Ones | All die Toten <br>Regie: Caetano Gotardo, Marco Dutra  Carolina Bianchi, Thomás Aquino<br>Wettbewerb 2020
Todos os mortos | All the Dead Ones | All die Toten
Regie: Caetano Gotardo, Marco Dutra Carolina Bianchi, Thomás Aquino
Wettbewerb 2020
| © Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens

Insgesamt 19 brasilianische Filme sind auf der 70. Berlinale zu sehen. Einer davon, „Todos os Mortos“ (All the dead ones), läuft im Wettbewerb um den Goldenen Bären.

Von Camila Gonzatto

Trotz der jüngsten Kürzungen im audiovisuellen Bereich in Brasilien werden auf der diesjährigen Berlinale brasilianische Filme in Rekordzahl zu sehen sein. Laut dem Filmemacher und Programmdirektor Eduardo Valente, der als brasilianischer Delegierter der Berlinale fungiert, ist diese hohe Zahl an Filmen auf einem so hochkarätigen Festival, auch wenn sie angesichts der derzeitigen tiefen Krise der Branche in Brasilien paradox erscheint, ein Resultat der Förderpolitik der vergangenen 15 Jahre.

„Die meisten der jetzt gezeigten Filme wurden zwischen 2015 und 2017 in Angriff genommen, als Drehbuch, Projekt, mit der Suche nach Finanzierung. Viele sind das Ergebnis von Ausschreibungen, dies es inzwischen nicht mehr gibt, für Filme mit internationalem Potenzial und künstlerischer Bedeutung etwa, die noch unter der Regierung von Michel Temer abgeschafft wurden. Andere Produktionen wurden mit regionalen Förderungen verwirklicht, die im Moment ebenfalls kompliziert sind. Weitere Filme sind Ausdruck kontinuierlicher Arbeit in Hinblick auf Internationalisierung und eine Strategie internationaler Koproduktionen“, erläutert Valente.

Für Laís Bodanski, Filmemacherin und Direktorin der Initiative der Stadt São Paulo für Entwicklung, Finanzierung und Umsetzung von Programmen und Maßnahmen für Film, Fernsehen, Games und neue Medien (SPCINE), beweist die Präsenz auf der Berlinale, „dass die brasilianische Produktion im audiovisuellen Bereich exzellent ist. Wer dies in Brasilien nicht anerkennt, liegt falsch. Der audiovisuelle Bereich schreitet kraftvoll voran.“

Gender, Familie, Umwelt 

Von den in diesem Jahr für die Berlinale ausgewählten Filmen laufen zwei in Wettbewerben. Todos os mortos (All the dead ones) von Caetano Gotardo und Marco Dutra konkurriert um den Goldenen Bären. Der Film spielt am Ende des 19. Jahrhunderts in Brasilien, im ersten Jahrzehnt nach der Abschaffung der Sklaverei. Los Conductos, eine brasilianisch-französisch-kolumbianische Koproduktion unter der Regie des Kolumbianers Camilo Restrepo, läuft in der neuen Sektion „Encounters“, die unabhängige, experimentellere Produktionen auf die Leinwand bringt.

Die übrigen Filme verteilen sich auf die anderen Schauen des Festivals: Panorama, Forum, Forum Expanded und Generation. Es sind Produktionen aus verschiedenen Regionen Brasiliens zu sehr unterschiedlichen Themen, von Genderfragen über Familienkonflikte bis zu Dokumentarfilmen über latente Umweltfragen und soziale Themen. „Eine Auswahl, die einen sehr wichtigen Moment des brasilianischen Films widerspiegelt; reif, kompetent, voller Talente und neuer Geschichten, die es zu erzählen gibt - und die nur wir erzählen können“, sagt Bodanski.

O reflexo do lago (Amazon mirror) von Fernando Segtowick, der in der Sektion Panorama läuft, porträtiert beispielsweise die Auswirkungen, die das in den 1980er Jahren im nördlichen Bundesstaat Pará errichtete Wasserkraftwerk Tucuruí immer noch auf das Leben der Anrainergemeinschaften hat. Ebenfalls im Panorama wird Nardjes A. gezeigt, ein Dokumentarfilm von Karim Aïnouz über das Geburtsland seines Vaters, Algerien. Der Regisseur begleitet einen Aktivisten der Revolution des Lächelns, die sich 2019 für Demokratie einsetzte.

Experimentelle Filme und Ausstellung

Brasilianische Produktionen laufen auch im Forum und im Forum Expanded. Teil des Forum-Programms ist auch die von der Filmemacherin Anna Azevedo kuratierte Ausstellung Carta de uma mulher Guarani em busca de uma terra sem mal (Letter from a Guarani Woman in Search of a Land Without Evil) über das Werk der indigenen Regisseurin Patrícia Ferreira Pará Yxapy. Auch in der Schau Generation für Kinder und Jugendliche laufen brasilianische Filme.

Brasilien ist auch abseits der Leinwand präsent. Der Filmemacher und Kritiker Kleber Mendonça Filho, der 2019 den Jurypreis des Filmfestivals Cannes für den Film Bacuaru erhielt, ist Teil der Jury des Wettbewerbs. Neun brasilianische Filmemacher wurden zudem für die Sektion Berlinale Talents ausgewählt.

Resonanz zu Hause?

Bald wird die Vielfalt des brasilianischen Films (und der Realität des Landes) auf den Leinwänden in Berlin zu sehen sein. Bleibt die Frage, ob der Raum, der dem audiovisuellen Schaffen des Landes hier eingeräumt wird, in Brasilien selbst auf irgend eine Weise wahrgenommen werden wird. „Ich weiß nicht, ob es direkte Auswirkungen auf die Politik der kommenden Jahre haben wird, aber ich glaube, es hat einen wichtigen Effekt in der Welt. Vor der Geschichte wird dokumentiert, welche Kraft und welche Möglichkeiten, Breite und weltweite Bedeutung zu erlangen, das brasilianische Kino als Resultat vieler Jahre Entwicklung und einer Politik der Förderung im gesamten Sektor erreichen konnte“, findet Valente.
 

Brasilianische Filme und Koproduktionen bei der Berlinale 2020

Wettbewerb

Todos os mortos (All the Dead Ones | All die Toten)
Regie: Caetano Gotardo, Marco Dutra.
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202008626

Encounters

Los conductos
Regie: Camilo Restrepo
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202006986

Panorama

Cidade Pássaro (Shine Your Eyes)
Regie: Matias Mariani
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202001928

Nardjes A.
Regie: Karim Aïnouz
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202009566

O Reflexo do Lago (Amazon Mirror)
Regie: Fernando Segtowick
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202007271

Vento Seco (Dry Wind)
Regie: Daniel Nolasco
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202005746

Un crimen común (A Common Crime) 
Regie: Francisco Márquez
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202004865

Forum
Chico ventana también quisiera tener un submarino (Window Boy Would Also Like to Have a Submarine)
Regie: Alex Piperno
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202004528

Luz nos trópicos (Light in the Tropics)
Regie: Paula Gaitán
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202006126

Vil, má (Divinely Evil)
Regie: Gustavo Vinagre
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202005449

Forum Expanded

Apiyemiyekî?
Regie: Ana Vaz
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202002605

(Outros) Fundamentos (Other) Foundations
Regie: Aline Motta
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202011413

Jogos Dirigidos (Directed Games)
Regie: Jonathas de Andrade
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202011689

Vaga Carne (Dazed Flesh)
Regie: Grace Passô
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202011666

Generation

Alice Júnior (Alice Junior)
Regie: Gil Baroni
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202006117

Rã (Frogs | Frösche)
Regie: Ana Flavia Cavalcanti, Julia Zakia
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202009200

Irmã (Sisters in the End of the World)
Regie: Luciana Mazeto, Vinícius Lopes
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202007455

Meu nome é Bagdá (My Name Is Baghdad)
Regie: Caru Alves de Souza
https://www.berlinale.de/en/programme/programme/detail.html?film_id=202005616

Ausstellung

Carta de uma mulher Guarani em busca de uma terra sem mal
LETTER FROM A GUARANI WOMAN IN SEARCH OF THE LAND WITHOUT EVIL
Ausstellungseröffnung am 19.02. um 19h
Von 20.02 bis 15.03.
Local: Savvy Contemporary
https://savvy-contemporary.com/en/events/2020/letter-from-a-guarani-woman-1/

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