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Ein Blick von anderswo

Shine Your Eyes, Koproduktion Brasilien-Frankreich 2020. Regie: Matias Mariani. Foto: O. C. Ukeje, Panorama 2020.
Shine Your Eyes, Koproduktion Brasilien-Frankreich 2020. Regie: Matias Mariani. Foto: O. C. Ukeje, Panorama 2020. | © Primo Filmes

Der Spielfilm Cidade Pássaro (Shine Your Eyes) in der Sektion Panorama behandelt anhand der Geschichte zweier Brüder die nigerianische Einwanderung nach São Paulo.

Von Camila Gonzatto

Amadi, ein nigerianischer Musiker, exzellent dargestellt von O. C. Ukeje, kommt auf der Suche nach seinem verschwundenen älteren Bruder nach São Paulo. Über den gesamten Film zeigt der Blick des Protagonisten das Stadtzentrum von São Paulo aus der Perspektive der Einwanderer und ihrer täglichen Kämpfe. Im Interview spricht der Regisseur Matias Mariani über das Projekt.

Wie sind Sie das Projekt angegangen?

Cidade Pássaro hatte ich schon lang im Kopf. Am Anfang stand das Gefühl, das ich selbst hatte, als ich vom 19. bis 24. Lebensjahr in den USA war: das Gefühl, fremd zu sein, das manchmal befreiend, manchmal erschreckend ist. Mit Maíra Bühler, mit der ich die erste Version des Drehbuchs schrieb, begann ich über neu in São Paulo angekommene Immigranten zu recherchieren, und wir stießen auf die nigerianische Community. Wir entschlossen uns, als eine gute Art zu recherchieren, neu Angekommenen kostenlos Portugiesisch-Unterricht anzubieten. Dadurch bekamen wir Kontakt zur Community und zu ihren Geschichten. Auf der Grundlage dieser Kontakte reisten wir nach Nigeria, nach Lagos und auch in den Südosten (Igboland), wo die Geschichte anfing, Gestalt anzunehmen.

Sie kommen vom Dokumentarfilm. Wie war es, den ersten Spielfilm zu drehen?

Meine Dokumentarfilme hatten immer schon ein sehr enges Verhältnis zur Fiktion, der Sprung war also nicht allzu groß. Etwas habe ich vom Dokumentarfilm in den fiktionalen Film mitgenommen, nämlich, dass die Recherche nicht vom Drehbuch zu trennen ist. Bei der Arbeit am Drehbuch haben wir zu keinem Zeitpunkt aufgehört zu „recherchieren“. Es war ein Fluss zwischen Geschichten, die wir gehört haben und Geschichten, die wir erschufen, Interviews, die uns in so unterschiedliche Bereiche eintauchen ließen wie Odinani-Mythologie oder zeitgenössische Physik, und die Schritt für Schritt zu der Fiktion wurden, die wir haben wollten. 

Es gibt in dem Film unterschiedliche Sprachen, was zu Kommunikationsproblemen führt und zu dem Wunsch, verstanden zu werden. Wie war es, mit diesem Thema zu arbeiten?

Es gibt einen Satz des Dichters David Whyte, dass: „Poesie […] eine Sprache [ist], gegen die du dich nicht wehren kannst.“ Das heißt, wir verwenden Sprache oft nicht, um den Anderen zu aufzusuchen, verstanden zu werden, sondern, um zu verschleiern oder uns zu verstecken. Auf der anderen Seite ergeben sich oft unerwartete Begegnungen an einem Ort, der weit jenseits der Sprache ist. Sprachliche Divergenzen und Missverständnisse öffnen oft Raum für aphasische Begegnungen wie etwa die zwischen Amadi und Emília.

Warum haben Sie im Format 4 x 3 gefilmt?

4 x 3 war ein Vorschlag des Fotografen Leonardo Bittencourt. Ich war zuerst skeptisch, aber als wir begannen, die Drehorte in diesem Format zu fotografieren, schien der Film sich zusammenzufügen. Ich glaube, das liegt daran, dass São Paulo eine Stadt mit sehr hohen Gebäuden ist, vor allem das Zentrum, und die Stadt sich deswegen eher dem Verständnis öffnet, wenn man dieses Senkrechte in der Architektur respektiert. 
 

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