Berlinale-Blogger*innen 2021
Verhaltene brasilianische Präsenz an der Berlinale

Os últimos dias de Gilda. Brasil, 2020. Direção: Gustavo Pizzi. Na foto, a atriz Karine Teles. Berlinale Series 2021.
Os últimos dias de Gilda. Brasil, 2020. Direção: Gustavo Pizzi. Na foto, a atriz Karine Teles. Berlinale Series 2021. | © Marcinho Nunes

Zu ihrer 71. Ausgabe ist die Berlinale gezwungen, sich neu zu erfinden, um auch in der Pandemie tätig zu bleiben. Drei brasilianische Filme und eine Koproduktion mit Argentinien nehmen dieses Jahr an dem Festival teil.

Anders als sonst im legendären Februar, wenn sich die Bären der Berlinale in den Straßen der deutschen Hauptstadt verbreiten, um die sich vor den Kinotüren drängelnden Menschenmassen willkommen zu heißen, werden sie diesmal zu Hause bleiben, im Winterschlaf hinter Computerbildschirmen. Es sind andere Zeiten, und eins der wichtigsten Filmfestivals der Welt muss sich neu erfinden. Wichtig ist, dass es bleibt, denn die Berlinale ist für die Player der Branche eine unerlässliche Plattform.

Die Berlinale 2021 unter Pandemiebedingungen wird ein Festival in zwei Akten sein. Während das klassische Filmdrehbuch drei hat, bleibt uns die Hoffnung, dass die beiden Momente den Anspruch erfüllen, einerseits die Verbindung zur audiovisuellen Industrie zu halten und andererseits zum Publikum – dem eigentlichen Ziel der Filme und Höhepunkt der Berlinale. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hat die Organisation das Festival diesmal aufgeteilt, oder besser, verdoppelt: Zwischen dem 1. und 5. März werden die Filme digital für den Markt und die Presse gezeigt; für Juni ist, falls die Pandemie bis dahin unter Kontrolle sein sollte, die Aufführung vor Publikum in den Kinos der Stadt geplant, mit Beteiligung von Filmschaffenden und ihren Teams, in Innenräumen wie unter freiem Himmel.

Intensität und Vielfalt

Um dem neuen Format gerecht zu werden, wurde die Berlinale neu formuliert. Im Jahr 2021 werden 166 Filme aus 59 Ländern gezeigt. 2020 waren es 340 Filme aus 71 Ländern. Trotz der Reduzierung behält das Festival die Vielfalt der Blicke, Sprachen und Stile seiner traditionellen Sektionen bei. Mit einer vielleicht weniger düsteren Auswahl als letztes Jahr, sind die Filme dennoch keine leichte Kost. „Wenn auch nur wenige Filme das neue Szenario, in dem wir leben, unmittelbar darstellen, so tragen sie doch alle die Spuren dieser ungewissen Zeiten unter ihrer Oberfläche.“ Ein Gefühl des Unbehagens sei überall spürbar, schreiben Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, die in diesem Jahr das Festival leiten.

Die politische Ader der Berlinale wird auch beibehalten. Es wird versucht, einzigartige Wirklichkeiten unterschiedlicher Länder auf die Leinwand zu bringen. Zum Beispiel mit dem Film Courage von Aliaksey Paluyan, der in die brutal von Regierungskräften niedergeschlagenen friedlichen Demonstrationen in Belarus eintaucht. In der ersten Märzwoche wird der Film auch in Mexiko-Stadt und in São Paulo gezeigt.

Courage, Deutschland, 2021. Regie: Aliaksei Paluyan. Berlinale Special 2021.
Courage, Deutschland, 2021. Regie: Aliaksei Paluyan. Berlinale Special 2021. | © Living Pictures Production

Pandemie und Gleichgültigkeit

Im Vergleich zur Berlinale 2020, bei der es mit 19 Filmen eine Rekordbeteiligung Brasiliens gab, ist die brasilianische Teilnahme diesmal kompakter. Laut Eduardo Valente, dem brasilianischen Delegierten der Berlinale, hat die Reduktion der Gesamtzahl der Filme in Sektionen, für die üblicherweise auch brasilianische Filme ausgewählt werden - Panorama, Forum, Generation oder Berlinale Shorts -, dazu geführt, dass mehrere Filme, die eine Chance gehabt hätten, aufgenommen zu werden, letztendlich draußen blieben.

Allerdings hatten noch andere Faktoren Einfluss darauf. „Die Pandemiebedingungen und die gegenwärtige Untätigkeit der brasilianischen Filmagentur Ancine haben es zweifellos schwieriger gemacht, eine größere Auswahl brasilianischer Filme in die Konkurrenz um die freien Plätze zu schicken. Wenigstens zehn bis zwölf Filme von recht interessanten Regisseuren, die sicherlich in Berlin Beachtung gefunden hätten, sind nicht fertig geworden, obwohl die Aufnahmen schon vor einiger Zeit abgeschlossen waren. Das ist den Schwierigkeiten aufgrund eines der beiden oben genannten Probleme geschuldet, wenn nicht gar beider“, sagt Valente. Auch die Entwertung der brasilianischen Währung Real nennt er als einen wichtigen Faktor. „Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist die Möglichkeit für die brasilianischen Produzenten, sich an Koproduktionen mit europäischen Ländern zu beteiligen, beeinträchtigt - und wird es wohl dauerhaft, mindestens aber für längere Zeit, bleiben“, schätzt er.

Brasilianische Filme

Trotz der eher verhaltenen Beteiligung ist die Vielfalt des brasilianischen Films auch in dieser Ausgabe des Festivals durch die Auswahl von reichlich unterschiedlichen Filmen gut wiedergegeben. Der Dokumentarfilm A última floresta (The Last Forest) von Luiz Bolognesi läuft in der Sektion Panorama Dokumente. Dort war der Regisseur schon 2018 mit Ex-Pajé vertreten. The Last Forest, entstanden in Zusammenarbeit mit Davi Kopenawa Yanomami, porträtiert den Alltag einer isolierten Yanomami-Gruppe, die seit mehr als tausend Jahren auf einem Territorium im heutigen Grenzland von Brasilien und Venezuela lebt.

Se hace camino al andar (The path is made by walking). Regie: Paula Gaitán. Im Bild: Paulo Nazareth. Berlinale Forum Expanded 2021.
Se hace camino al andar (The path is made by walking). Regie: Paula Gaitán. Im Bild: Paulo Nazareth. Berlinale Forum Expanded 2021. | Foto: © Pressfoto
Im Forum Expanded wird ein Film von Paula Gaitán gezeigt, dessen Titel Se hace camino al andar (The Path Is Made by Walking) Bezug nimmt auf den andalusischen Dichter Antonio Machado: ein experimenteller Film mit Elementen der Videokunst über die Begegnung von Mensch, Natur und Technologie. Eine von nur sechs Serien aus aller Welt, die auf dem Festival laufen, ist Os últimos dias de Gilda (The Last Days of Gilda). Nach der Ausstrahlung Ende 2020 auf Canal Brasil, ist dies ihre internationale Premiere. Es ist die Adaptation eines Monologs von Rodrigo de Roure über Gilda, eine freie, unabhängige Frau, deren Lebensstil in der konservativen Nachbarschaft aufstößt. Und schließlich lotet der Dokumentarfilm Esquí (Ski), eine argentinisch-brasilianische Koproduktion und das Regiedebüt von Manque La Banga, die verborgene Welt der Arbeitsverhältnisse im argentinischen Skigebiet Bariloche während der Hochsaison aus.

Auch die Berlinale Talents, die sich der Aus- und Weiterbildung von jungen Filmschaffenden aus aller Welt widmet, wird ausschließlich auf Computerbildschirmen stattfinden. Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Motto „Träume“. Wenn die digitalen Vorhänge sich öffnen, wird man den ersten Akt dieser für die Filmwelt zumindest außergewöhnlichen Ausgabe erleben können.

Top