Kunst als zusätzlicher Raum
„Die Natur hat Rechte“

Nachtaufnahme von Palmen
In der Ausstellung „Take Me to the River“ beschäftigen sich die Künstler*innen mit den Folgen des Klimawandels für die Indigene Bevölkerung. | Foto (Detail): Misha Vallejo 2015 © Take Me to the River

Welchen Beitrag kann die Kunst zur Nachhaltigkeitsdebatte leisten und wie lassen sich Indigene Perspektiven einbeziehen? Im Rahmen der Online-Ausstellung „Take Me to the River“ präsentieren unterschiedliche Künstler*innen aus Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika, der Karibik und Osteuropa ihre Kunstwerke als einen Chor von Stimmen gegen Rohstoffabbau, Umweltmissbrauch und die Verletzung der Rechte Indigener Gemeinschaften. Die Kuratorin der Online-Ausstellung Maya El Khalil und ihre Assistentin Danielle Makhoul berichten im Interview über ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Ausstellung.

Frau Khalil und Frau Makhoul, welche Rolle übernimmt für Sie als Kuratorinnen die Kunst in der Klima- und Nachhaltigkeitsdebatte? 

Maya El Khalil: Kunst verfügt über vielfältige Funktionen. Es eröffnet sich ein zusätzlicher Raum, der das gängige Narrativ ergänzt. In herausfordernden Zeiten wie diesen, geht die Rolle der Kunst über die Sensibilisierung hinaus. Es geht um Unterbrechung, Verwicklung, aber auch um Fantasie und Hoffnung. Kunst erhält ein Gefühl der Verbundenheit trotz der Fragmentierung unserer modernen Welt. Für mich ist Kunst kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. 

Danielle Makhoul: Kunst hat in einer solchen Debatte die Fähigkeit, durch künstlerische Ausdrucksformen und eine empathische Annäherung, neue Perspektiven zu eröffnen. Die Naturportraits der einzelnen Projekte für die Ausstellung Take Me to the River sind in vielen Fällen von einer beeindruckenden und traurigen Schönheit. Doch Kunst hat auch die Fähigkeit Emotionen wie Angst hervorzurufen. Angst vor der Tatsache, dass uns die Natur tatsächlich auf die Anklagebank bringt und angesichts unseres langanhaltenden Missbrauchs zum Gegenschlag ansetzt. Marta Andreu, die Gründerin von Residencias Walden, einem Residenzprogramm für Dokumentarfilmer*innen in Lateinamerika, sagte in einem unserer Gespräche etwas, das Maya und mir danach nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist: „Wenn du verstehst, dass ein Baum ein Lebewesen ist und kein Objekt, das dir nach Belieben zur Verfügung steht, dann begreifst du auch, dass du es nicht missbrauchen, sondern achten solltest.“ Darum geht es in diesem Projekt: Die Betrachter*innen sollen über die Gefühlsebene dazu bewegt werden, eine Landschaft als Subjekt und nicht als Objekt wahrzunehmen. Und genau das vermag die Kunst. 

Sie kuratieren gemeinsam die Online-Ausstellung Take Me to the River. Was ist das Besondere daran und welche Chancen sind mit der Online-Präsentation verbunden? 

Maya El Khalil: Wir haben versucht, neue Konzepte zusammenzubringen, neue Wege, die Klimakrise zu quantifizieren und zum Handeln zu inspirieren. Die Projekte der Ausstellung sind nicht nur gemeinschaftlich konzipiert, sie schaffen Weltanschauungen, die über den starren Individualismus hinausgehen. Jedes Projekt zeigt eine neue Perspektive, von der aus wir unsere Beziehung zum Klimanotstand neu formulieren müssen. Jedes Projekt stützt sich auf die Perspektiven von Gemeinschaften, die stark vom Klimawandel betroffen sind. Diese Gemeinschaften leiden, aber sie besitzen auch ein intimes und unersetzliches Wissen über ihre Umwelt. 

Ich würde sagen, diese Ausstellung ist eine Übung im Zuhören: auf andere Stimmen, auf die Vielfältigkeit, auf den Planeten. Die Online-Präsentation erlaubt uns, weltweit ein größeres Publikum zu erreichen, außerdem besteht sie länger als eine physische Ausstellung.  

Eine Online-Ausstellung wie „Take Me to the River“ funktioniert wie ein lebendiges Archiv.

Danielle Makhoul

Danielle Makhoul: Der Übergang von einer physischen zu einer digitalen Ausstellung ist uns zunächst ganz sicher nicht leichtgefallen. Als wir uns jedoch näher mit den Arbeiten auseinandersetzten, wurde uns klar, dass es in vielen dieser Projekte um Gemeinschaften geht, die extrem zurückgezogen leben. Und mit der anhaltenden Pandemie hat sich die Entfernung zu ihnen sogar noch zusätzlich vergrößert und ihre Gebiete sind noch schwerer als bisher zu erreichen. Trotzdem sind wir heute – digital – besser denn je miteinander vernetzt. Und wie Maya sagte,  eine Online-Ausstellung wie Take Me to the River funktioniert wie ein lebendiges Archiv, auf das weitaus mehr Menschen zugreifen können, die sogar noch weiter voneinander entfernt sind. 

Was hat Sie in der Zusammenarbeit mit den Künstler*innen und an den Erkenntnissen aus ihren Beiträgen am meisten überrascht? 

Maya El Khalil: Das Gefühl der Verbundenheit, das vorherrschte. Und ich betone das Wort Verbundenheit, nicht Empathie. Die Arbeiten der Künstler*innen spiegeln ihr Engagement wieder den Stimmen der Gemeinschaften, mit denen sie arbeiten, Gehör zu verschaffen. Es handelt sich nicht um eine Interpretationsübung. Wir haben uns ausführlich mit Themen auseinandergesetzt, über die wir bisher nichts wussten. Ich persönlich hatte noch nie von der Rolle der Koka-Blätter für die Indigenen Gemeinschaften der Sierra Nevada de Santa Marta im kolumbianischen Amazonas-Gebiet gehört. Diana Rico wirft in ihrem Projekt Coca File einen künstlerischen Blick auf die Geschichte der Pflanze und beschreibt ihre Bedeutung als technologisches Hilfsmittel der Indigenen Bevölkerungsgruppen, um beispielsweise Zugang zu jahrhundertealtem Wissen zu erhalten. In der Öffentlichkeit wird Koka häufig mit Kokain gleichgesetzt, obwohl es aus Sicht der Indigenen Gemeinschaft einen deutlichen Unterschied zu der Droge gibt. Wenn die Regierung den Koka-Anbau für illegal erklärt, vernichten wir also eine ganze Lebensweise.  

Danielle Makhoul: Am meisten beeindruckt hat mich die Erkenntnis, dass es in dieser Welt Menschen gibt, die einen Großteil ihrer Zeit darauf verwenden, die Gefahren für ihre Gemeinschaften sichtbar zu machen. Bei den meisten Arbeiten handelt es sich um laufende Projekte, von denen einige bereits seit weitaus mehr als nur einem Jahr – in einigen Fällen sogar seit mehr als zehn Jahren – bestehen! Meines Erachtens wird die Kunstwelt oft zu Unrecht als rein kommerziell betrachtet. Wir verbinden Kunst mit Galerien, Museen und Ausstellungen, obwohl so viele Künstler*innen sehr eng mit den Gemeinschaften zusammenarbeiten, um den Vergessenen, den Ausgebeuteten und den Benachteiligten eine Stimme zu geben. Und auf dieser digitalen Plattform kann die Welt mit ihnen in Verbindung treten. 

Maya El Khalil: Im Grunde wird auf diese Weise der Gedanke gestärkt, dass Kunst nicht in einer Blase existieren kann. Sie ist eng mit der gesamten Gesellschaft verknüpft. Die Mehrzahl der Projekte ist nicht nur multidisziplinär, sondern interdisziplinär angelegt, das heißt sie stehen miteinander in Verbindung. 

Wie kann Kunst Ihrer Meinung nach einen aktiven Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten? 

Maya El Khalil: Indem die Kunst bestimmte Debatten und Narrative auf kreative Weise sichtbar machen. Beispielsweise hat Gilberto Esparza für sein Projekt Kora-llysis sehr eng mit Wissenschaftler*innen zusammengearbeitet, um ein technologisches Hilfsmittel zur Förderung des Wachstums von Korallenriffen zu entwerfen. Ein anderes Beispiel aus der Ausstellung sind die Werke von Arko Datto: Die ästhetischen Elemente sind sehr wichtig, doch gleichzeitig erkennt man, dass sie von einer Katastrophe berichten. Sie erzählen von Schmerz und von einem Wandel der Lebensweisen. 

Die Arbeiten sind wunderschön und eindrucksvoll, doch im Grunde handeln sie von Tragödien.

Maya El Khalil

Danielle Makhoul: Wir vergessen, dass es in der Kunst nicht nur um das Endprodukt, sondern auch um den Prozess geht. Bei vielen dieser Projekte gibt es nicht einmal ein Endprodukt, weil sie durch Bildung, Technologien und Strategietransfers eine langfristige Wirkung erzielen. In solchen Gemeinschaften hat man beschlossen Workshops und Wettbewerbe durchzuführen, um die Menschen wieder mit ihrer Stadt in Verbindung zu bringen oder die jüngere Generation in entlegenen Gebieten über spezifische Umweltgefahren in ihrer Region zu informieren. Für eines der Projekte führten die Künstler*innen Videoworkshops durch, um einer lokalen Indigenen Gemeinschaft das erforderliche technische Know-how für eigene Filmaufnahmen zu vermitteln und sie auf diese Weise in die Lage zu versetzen, der Welt ihre Geschichte zu erzählen. Das ist ebenfalls Kunst, wenn auch nicht im traditionellen Sinne. Das Endprodukt ist zwar weniger greifbar, doch genauso wirkungsvoll und auf Handlungsansätze, Lösungen und Veränderungen ausgerichtet. 

Maya El Khalil: Es ist auch wichtig, dass wir uns diese Beziehungen anschauen. Wenn man in eine Gemeinschaft kommt und einen Film über sie machen will, dann wissen die Menschen ganz genau, welche Gegenleistung sie dafür erwarten. Beispielsweise dass ihr Anliegen öffentlich gemacht wird. Es geht nicht darum, dass eine Seite gibt und die andere nimmt. Das Verhältnis beruht vielmehr auf Gegenseitigkeit und ist mit denselben Bedürfnissen und Vorteilen verbunden. 

Wie kann die Debatte von Indigenen Perspektiven profitieren und warum eignet sich Kunst so hervorragend dazu, diese Perspektiven zum Ausdruck zu bringen? 

Maya El Khalil: Wir können viel von den Indigenen Gemeinschaften lernen, insbesondere eines: Die Natur hat Rechte. Das wurde inzwischen auch in einigen Gerichtsurteilen anerkannt: Flüsse haben das Recht zu fließen, Wälder haben das Recht zu atmen. Das Volk der Kichwa beispielsweise, das Misha Vallejo in seinem Projekt portraitierte, glaubt an einen „Lebendigen Wald“: Einen lebendigen Wald, der auf alles reagiert. Der Wald ist ein Lebewesen mit Bewusstsein, er ist ein Speicher von Wissen, das durch die Älteren an die neuen Generationen weitergeben wird. Wenn diese Kette unterbrochen wird, geht das Wissen verloren. Das natürliche Gleichgewicht des Universums, die Harmonie des Lebens, die Existenz der Lebewesen hängen von diesem Wissen ab, von einer Beziehung des Respekts und des Gleichgewichts zwischen allen Wesen. Der Glaube an eine solche Symbiose ist meine wichtigste Lernerfahrung. Die Kunst hat einen „Raum“ geschaffen, in dem alternativen Weltanschauungen zusammengebracht werden, um die Klimakatastrophe zu begreifen – Räume jenseits der Grenzen von Wissenschaft und Politik. 

Das Interview führte Natascha Holstein, Zeitgeister‑Redakteurin.

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