Inspirador
Wie Johannesburg die Wasserversorgung überdenkt

Romy Stander schaut sich eine Karte an
Romy Stander hat sich mit dem Juksei und den Wassermanagement in Johannesburg vertraut gemacht. | Foto (Detail): © Water fot the Future

Johannesburg ist eine der wenigen Großstädte der Welt, die nicht an einem großen Fluss oder am Meer errichtet wurden. Der Jukskei ist der einzige ganzjährig wasserführende Fluss der Stadt, und er ist stark verschmutzt. Aber es gibt eine Gruppe von Menschen, die Kunst, Wissenschaft und soziale Praktiken miteinander verbinden, um diese Situation zu ändern. 

Von Jonaya de Castro und Laura Sobral

Der Inspirador ist ein Projekt, mit dem Ziel, nachhaltige Städte neuzudenken, indem es inspirierende Beispiele aus mehr als 32 Orten auf der ganzen Welt identifizierte und präsentierte. Die Forschung systematisiert die Fälle und Ideen in verschiedene Kategorien, gekennzeichnet durch Hashtags.

#ressourcen_(re)generieren
Nachdem natürliche Ressourcen lange als unerschöpflich angesehen wurden, werden wir heute von den Folgen dieser Sichtweise überrollt. Es gibt viele Initiativen, die sich um die Umstellung auf ein Kreislaufmodell bemühen, indem sie Ressourcen recyceln und wiederverwenden, die Abfallvermeidung fördern und Verantwortung für Wasserverbrauch übernehmen. Städte mit Initiativen, die diese Realität erkannt haben, sind besser auf jene Krisen vorbereitet, die unweigerlich auf uns zukommen werden und die uns zu einem Paradigmenwechsel im städtischen Raum zwingen.


Die südafrikanische Stadt Johannesburg besteht aus zwei ganz unterschiedlichen Teilen: aus Hügeln und dem sogenannten Bez-Tal. In diesem Tal liegt ein kaum wahrnehmbares Gewässer: der Jukskei, der einzige ganzjährig wasserführende Fluss im Stadtgebiet. Das meiste Wasser kommt aus dem Nachbarland Lesotho, das weit von Johannesburg entfernt liegt. Es ist schwierig, am Fluss entlang zu gehen, da er kanalisiert wurde und an einigen Stellen vollständig unterirdisch und durch gefährliche Gebiete verläuft. Die Ufer des Flusses sind Schauplatz verschiedenster Ereignisse der südafrikanischen Kultur, von religiösen Zeremonien über Anrainer, die ihn zum Abwaschen von Kunststoffen nutzen, bis hin zu Menschen, die dort Gemüsegärten anbauen. 

Nun haben zwei Frauen eine Kampagne gestartet, um den Fluss Jukskei von seiner Verschmutzung zu befreien. Das von der Naturschützerin Romy Stander und der Künstlerin Hannelie Coetzee ins Leben gerufene Projekt „Wasser für die Zukunft“ verbindet Kunst, Wissenschaft und Aktivismus und erarbeitet so ein ökologisches Infrastruktursystem im Einzugsgebiet des Jukskeis, das die kurzen, intensiven Regenfälle auffängt, bevor das Wasser den Kanal erreicht. Das Projekt basiert auf partizipatorischen Co-Design-Ansätzen, wie z. B. Workshops und gemeinsamen künstlerischen Interventionen, und setzt sich für die Einrichtung eines grünen Ökokunstkorridors ein. 

Wie reinigt man einen Fluss?  

„Das Projekt entstand durch einen glücklichen Zufall“, erklärt Romy. „Ich glaube, wir alle kommen in unserem Leben an einen Punkt, an dem wir Dinge einfach nicht mehr ignorieren können, wenn sie sich in einem derart schlechten Zustand befinden.“ Daraufhin begann sie, zu recherchieren und sich zu engagieren. 

„Water for the Future“ wurde 2017 gegründet. Obwohl Romy über keinerlei Fachwissen in den Bereichen Umwelt- oder Wasserschutz verfügte, war sie sehr motiviert, etwas für den Fluss zu tun. Also begann sie, sich mit einer Reihe von Akteur*innen zu vernetzen, von Anwohner*innen bis hin zu Expert*innen. 

Dabei lernte sie in Paul Fairall, einem Wasseraktivisten und langjährigen Vorsitzenden des Jukskei Rivers, einen ganz besonderen Menschen kennen, der ihr dabei half, einen Leitfaden für die ersten Schritte des Projekts zu erstellen. „Er hat mir eine Fülle von Informationen zur Verfügung gestellt und mich an eine Reihe von Expert*innen aus dem ganzen Land verwiesen“, erinnert sich Romy. Von da an engagierte sie eine Gruppe von Wissenschaftlern, darunter Gewässerökolog*innen, Ingenieur*innen und Hydrolog*innen, um verschiedene Berichte in Auftrag zu geben, die mehr Datensätze liefern sollten als von der Stadtverwaltung bereitgestellt wurden. 

Denjenigen, die in ihrer Stadt eine ähnliche Initiative starten wollen, empfiehlt Romy, eine Karte zu erstellen, genaue wissenschaftliche Daten über die Wassersysteme zu sammeln und sie mit den Daten der Behörden zu vergleichen. 

Ein wichtige Rolle spielte auch das Treffen zwischen Romy und Hannelie Coetzee, einer Umweltkünstlerin, die den Jukskei erforschte. Romy erinnert sich: „Unsere Wege kreuzten sich einfach, und dann begannen wir, gemeinsam an Sitzungen teilzunehmen, mit Leuten zu sprechen, nachzuhaken und Informationen zu sammeln.“ 

Während der ersten beiden Jahre hörte man uns zu, weil es uns gelungen war, Gutachten in Auftrag zu geben und ein Team von Fachleuten zu bezahlen. Die Wissenschaft und die Daten gaben uns Legitimität.

Romy Stander

Die im Rahmen des Projekts entwickelten Experimente und Partnerschaften trugen Früchte. Sie fügten sich zu einem experimentellen Instrumentarium zusammen, gestützt auf lokale Partnerschaften und Spezialist*innen, die fortlaufend daran arbeiten, wie sie die Sanierung anderer städtischer Flüsse anregen können. 

Eine der von ihnen entwickelten Initiativen besteht darin, die Nachhaltigkeit der Entwässerung zu verbessern und den Wasserlauf der städtischen Flüsse durch die Entfernung invasiver Pflanzen zu regulieren, als Teil eines Plans zur Schaffung natürlicher Filter für den Wasserschutz. Außerdem wird ein Überwachungssystem installiert, um die im Wasser vorhandenen Substanzen in Echtzeit auf molekularer Ebene zu überwachen. 
 

Jenseits des Umweltschutzes 

Der Begriff Jukskei kommt aus dem Afrikaans und hat zwei Bedeutungen: ein traditionelles Spiel und einen traditionellen Tanz, der vor allem mit der Kolonialzeit in Verbindung gebracht wurde. Romy erklärt, dass heute niemand mehr einen Bezug zu diesem Wort hat. Seit dem Ende der Apartheid haben viele südafrikanische Städte und Straßen neue Namen bekommen, aber der Jukskei hat seinen „altmodischen“ Namen behalten. Da er heutzutage kanalisiert ist, wird er in den Köpfen der Menschen kaum noch als Fluss wahrgenommen, obwohl seine Quelle, die unterirdisch entspringt, nur 500 Meter entfernt liegt. „Der Jukskei sieht aus wie eine Art städtisches Abflussrohr“, stellt Romy fest. Für sie geht es bei der Pflege des Flusses deshalb auch darum, die Wahrnehmung und die Beziehung der Menschen zu ihm zu verändern. 

Städte sind Systeme, bei denen sich sämtliche Aspekte gegenseitig beeinflussen. „Deshalb ist dieses Projekt so vielschichtig: Es hat eine soziale, eine wirtschaftliche und natürlich eine ökologische Dimension. Es umfasst all diese verschiedenen Fachgebiete.“ „Water for the Future“ ist davon überzeugt, dass das Sanierungsgebiet die Entwicklung kleiner Unternehmen anregen wird, die wiederum Arbeitsplätze schaffen und das Gemeinwesen beleben werden. 

Ein Wandel der Denkweise 

Es gibt heute viele umweltfreundliche Technologien, die zur Lösung von Umweltproblemen in Großstädten beitragen können. Manchmal handelt es sich dabei um altbekanntes Wissen, das jedoch auf neue Weise genutzt wird.  

„Einer der Experten in unserem Team machte uns mit nachhaltigen Stadtentwässerungssystemen bekannt. Und diese Thematik ist weltweit noch sehr neu. Dabei geht es darum, so viel Niederschlag wie möglich durch Regengärten oder die Anlage von Entwässerungsrinnen aufzufangen. Ich rechne mit viel Widerstand dagegen, denn die großen Baufirmen wollen traditionell nur Beton und große Wege anlegen und Dinge, die Millionen kosten“, sagt Romy. 

Im Rahmen des Projekts „Wasser für die Zukunft“ träumen die Menschen von einem Johannesburg, das dem Klimawandel besser gewappnet ist und die zunehmenden Regenwassermengen bewältigen kann. Denkbar ist auch ein grüner Korridor als sauberer, sicherer Ort für Spaziergänge in der Stadt. Es besteht auch die Aussicht auf eine Wiederbelebung der natürlichen Umwelt und eine enorme Verbesserung der Wasserqualität. 

Es geht darum, die Dinge anders anzugehen. Das Wissen und die Informationen sind vorhanden: Es gibt Alternativen.

Romy Stander

„Wir wurden alle darauf getrimmt zu glauben, dass der Klimawandel das Ende der Welt bedeutet. Aber das ist nicht der Fall. Die Natur hat eine erstaunliche Kraft, sich selbst zu regenerieren“, sagt Romy. Sie ist der Meinung, dass alle, die sich dafür interessieren, dies für sich selbst herausfinden und so einen sinnvollen Wandel herbeiführen können. Diejenigen, die keine Spezialist*innen sind, können Netzwerke mit Wissen aus unterschiedlichen Bereichen aufbauen, um eine gemeinsame Herausforderung anzugehen: „Das ist für mich das Inspirierende daran.“ Sie hat entdeckt, wie die Bürger*innen ihre Stadt zurückerobern und sich um deren natürlichen Ressourcen kümmern können. Jetzt lädt sie uns alle dazu ein, es ihr gleich zu tun. 
 

In dieser Reihe geht es um:

Das Projekt „Inspirador für mögliche Städte“ von Laura Sobral und Jonaya de Castro zielt darauf ab, Erfahrungswerte aus Bürger*inneninitiativen, akademischen Kontexten und politischen Maßnahmen zu identifizieren, die sich an Transformationsprozessen hin zu nachhaltigeren, kooperativeren Städten beteiligen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Lebensweise und unsere Konsumgewohnheiten die Auslöser der Klimakrise sind bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Mitverantwortung einzugestehen. Grüne, geplante Städte mit autonomer Nahrungsmittelversorgung und einer Abwasserentsorgung auf Grundlage natürlicher Infrastrukturen können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der neuen Vorstellungswelt sein, die für diesen Wandel notwendig ist. In dem Projekt werden öffentliche Maßnahmen und Gruppeninitiativen aus der ganzen Welt vorgestellt, die auf die Möglichkeit anderer Lebensweisen aufmerksam machen.
 
Das Projekt systematisiert inspirierende Fälle und Ideen in den folgenden Kategorien: 
#entwicklung_neudefinieren, #raum_demokratisieren,
#ressourcen_(re)generieren, #zusammenarbeit_intensivieren, 
#politische_vorstellungskraft

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