“Die Bedürfnisse und Kämpfe unserer Partner zu erkennen, hilft uns Programme und Konzepte zu entwickeln”, sagt Leiterin des Linden-Museums Stuttgart

Inés de Castro

INÉS DE CASTRO NAMM AN DEM EVENT MUSEUM DIALOGUES TEIL. IM INTERVIEW AN DAS GOETHE-INSTITUT SPRICHT SIE ÜBER DIE VON DER DEUTSCHEN EINRICHTUNG DURCHGEFÜHRTEN MASSNAHMEN UND ÜBER DEN AUSTAUSCH MIT BRASILIEN

Das Publikum zu den Museen heranzuziehen ist für die Kultureinrichtungen immer eine Herausforderung gewesen, und mit der Covid-19 Pandemie noch komplizierter geworden. Mit dem Ziel, einen Ideenaustausch zu unterstützen, hat das Goethe-Institut Rio de Janeiro am 4. Juni das Event “Museum Dialogues” gefördert, zu dem Experten im Museenbereich aus Deutschland und Südamerika eingeladen wurden.

Unter den TeilnehmerInnen war die Leiterin des Linden-Museums Stuttgart, Inés de Castro, die über ihre Erfahrung mit der Suche nach Nachhaltigkeit in den Einrichtungen berichtete und betonte, wie wichtig es ist, die Beteiligung der Bevölkerung zu fördern. In einem exklusiven Interview an unsere Webseite hebt sie einige vom deutschen Museum durchgeführte Maßnahmen hervor.

Die Leitfrage für die Diskussion im “Museum Dialogues” war: “Wie können gesellschaftliche Beteiligung und die Unterstützung konstruktiver Solidaritätsstrategien (Mitgestaltung, Zusammenarbeit und Kooperation) zur Nachhaltigkeit der Museen beitragen? Wie sehen Sie das?

Im Linden-Museum interessieren wir uns für neue Arbeitsformen in Museen, auf der Basis von Vielstimmigkeit und Mehrperspektivität. Wir möchten die westliche singuläre Perspektive überwinden, die in vergangenen Zeiten als verbindlich herrschte. Wir sind davon überzeugt, dass es notwendig ist, in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der ursprünglichen Gesellschaften und von unseren diversen Nachbarschaften zu arbeiten. Diese Praxis hat sicherlich die gesellschaftliche Relevanz unseres Museums erhöht.

Was macht das Linden-Museum Stuttgart, um mehr gesellschaftliche Beteiligung zu erreichen? Könnten Sie uns einige Projekte nennen, die Sie in Deutschland entwickeln?

Wir haben 2019 die Dauerausstellung von unseren Sammlungen aus Afrika wieder geöffnet, für die wir eine Beratungsstelle gegründet haben, die aus Einwohnern Stuttgarts mit Abstammung aus dem afrikanischen Kontinent gebildet wurde. Die Beratungsstelle war vom Anfang an vollständig an der Entwicklung des Ausstellungskonzeptes beteiligt. Außerdem war es für uns unerlässlich, dass ihre Namen und ihre subjektiven Geschichten in der Ausstellung erkennbar wurden, indem wir sie als AutorInnen der Ausstellungstexte nennen.

Wir experimentieren gerade neue Ausstellungs- und Zusammenarbeitsformen im sogenannten LindenLAB. Eine der Vorstellungen wurde gemeinsam mit Vertretern der einheimischen kulturellen Initiativen der Karenni Region in Myanmar gestaltet; ein weiteres LAB gründete eine Arbeitsgruppe mit Interessenten in Stuttgart, die Verbindung zu Afghanistan haben oder nicht, um eine kritische Diskussion über die Fotos einer ehemaligen Expedition des Linden-Museum nach Afghanistan Anfang der 1960 zu führen.

Ein drittes Beispiel ist unsere kommende Ausstellung “Of Love and War. Tamil (Hi)stories from India and the diaspora”, die gemeinsam von unserem Kurator Dr. Georg Noack und Dr. Muthu Kumaraswami, der in Chennai arbeitet, kuratiert wird. Damit entwickeln wir ein stark integriertes Konzept, um eine tiefere und deutlichere Sicht dieser kulturellen Region zu gewinnen.

Generell laden wir regelmäßig Akademiker und andere Fachleute aus verschiedenen Regionen der Welt zu einem Aufenthalt in Stuttgart ein, bei einem so genannten Residenzprogramm. Diese Art von Dialog ist unentbehrlich, um nachhaltige Beziehungen mit den ursprünglichen Gesellschaften zu pflegen, und es hilft uns auch, tiefere Kenntnisse über etliche Objekte unserer Sammlungen zu erwerben.

Alle Zusammenarbeitsformen haben aber etwas sehr Wichtiges gemeinsam: Wir lernen sehr viel von unseren Gästen und ihren Perspektiven!

Wie können Ihrer Meinung nach Empathie und Solidarität zur Nachhaltigkeit der Museen beitragen?

Wenn wir zusammenarbeiten und den Austausch mit Partnern weltweit strukturell fördern, sind wir völlig davon überzeugt, dass wir ein besseres Verständnis und mehr Empathie füreinander entwickeln können, und auch ein besseres Verständnis der eigenen vielseitigen Gesellschaft. Die Bedürfnisse und Kämpfe unserer Partner zu erkennen und auch zu wissen, wie man mit ihnen umgeht, hilft uns, unsere Programme und Konzepte für mehr Partizipation besser zu entwickeln.

Die Austauschprojekte unter deutschen und brasilianischen Museen sind nach dem Brand im Museu Nacional/UFRJ entstanden. Was wurde in dieser Zeit erreicht?

In unserem gemeinsamen Workshop, der in digitaler Form Ende 2020 angefangen hat, setzten wir den Schwerpunkt auf die entscheidende Rolle der Erziehung für die Museumsarbeit. Für uns ist die Erziehungsabteilung ein wichtiger Teil von jeder Entscheidung im Museum, insbesondere bei der Konzeptentwicklung. Sie kann uns helfen, Strategien für die Einbindung der Nachbarschaft und der ursprünglichen Gemeinschaften zu entwickeln, die Inklusion und Diversität zu fördern, und auch einem vielfältigen Publikum näher zu kommen. Damit stärkt sie die gesellschaftliche Rolle der Museen. Das Fachwissen unserer Workshop-Partner der Erziehungsabteilung des Museu Nacional/UFRJ ist beeindruckend und ich bin überzeugt, dass der Austausch sehr fruchtbar für beide Seiten ist.

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