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Andorra

Was bedeutet „Andorra“?

Der Literaturkritiker Joachim Kaiser schrieb: „Andorra ist der Name für ein Modell: Es zeigt den Prozeß einer Bewußtseinsveränderung“. „Andorra ist ein Begriff, geradezu ein Inbegriff, wenn ihr begreift, was das heißt“, sagt der Doktor in Max Frischs gleichnamigem Stück. Es wurde im Oktober 1964 – ein halbes Jahr nach dem Militärputsch - vom Teatro Oficina in São Paulo inszeniert. „ANDORRA ist ein verstörendes Gleichnis. Und ich würde sagen, in Verbindung mit dem, was wir heute in Brasilien erleben, ein beunruhigendes“, so Décio Antunes.



Nachdem das Goethe-Institut Porto Alegre im Mai 2018 wegen eines Graffitos im Rahmen der Ausstellung Pixo /Graffiti - Parallele Realitäten von religiös-fanatischen Gruppierungen heftig angegriffen worden war, hatten wir angekündigt, zu einer öffentlichen Debatte über die Aufgabe von Kunst, über Fragen von Kunstfreiheit und Zensur einzuladen. Dies haben wir mit der Performance „Andorra“ und der anschließenden Podiumsdiskussion getan.
 
Für alle, die nicht dabei sein konnten, veröffentlichen wir hier die Videodokumentation und Fotos von der Performance sowie den Diskussionsbeitrag von Décio Antunes.
 
Straßen-Performance
Regie: Nina DeLudemann, Regisseurin und Bühnenbildnerin, Deutschland/Brasilien
Koordination: Henrique Saidel, Professor an der Theaterfakultät der Bundesuniversität Rio Grande do Sul
 
Darsteller:
Amanda Gatti, Ana Pessoto, Jennifer Ribeiro, Jonathan Pinheiro, Ketelin Abbady, Laura Garrido, Lucas Prado, Marina Fervenza, Marina Pizatto, Marlon Quadros, Maurício Estrázulas, Patricia Leonardelli, Rebecca Rodrigues, Riecardo Zigomático, Sandro Aliprandini, Tiago Schmidt, Vicente Vargas
 
Diskussion mit
Henrique Saidel, Professor an der Theaterfakultät der Bundesuniversität Rio Grande do Sul
Décio Antunes, Regisseur
Moderation: Cláudia Laitano, Journalistin

Videoaufnahmen: Alexandre Dill 

Fotos: Fábio Alt

In Zusammenarbeit mit  UFRGS, Instituto de Artes, PPG Artes Cênicas, Casa de Cinema de Porto Alegre
 
 
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
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  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
  • Andorra - Performance © Fábio Alt / Goethe-Institut Porto Alegre
 
 

 

Notizen über Andorra von Max Frisch

von Decio Antunes*
 
"Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen…"
Georg Büchner, Dantons Tod

 
 
  1. ANDORRA ist ein verstörendes Gleichnis. Und ich würde sagen, in Verbindung mit dem, was wir heute in Brasilien erleben, ein beunruhigendes.
  2. Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Indem wir ein Szenario der Angst vor Kunst und der Zensur von Künstlern und Werken geschaffen haben. Mit der Kandidatur eines Offiziers für die Präsidentschaft und als Vize eines Generals der Reserve - Vertretung der extremen Rechten in Brasilien. Und das Schlimmste: Es besteht die Möglichkeit, dass sie gewählt werden.
  3. Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Das ist das Echo der Frage, die nicht verstummen will. Der Doktor in Andorra beantwortet sie so:  „Ich bin nicht schuld, daß es dazu gekommen ist. Ich glaube im Namen aller zu sprechen, wenn ich, um zum Schluß zu kommen, nochmals wiederhole, dass wir den Lauf der Dinge – damals – nur bedauern können.“ Ich finde, das Stück ANDORRA bietet einige Anknüpfungspunkte, um über diese Frage nachzudenken.
  4. Erstens: dass Gesellschaft und Geschichte keine abstrakten Konzepte sind. Dass die historischen Ereignisse im Alltag durch Taten - oder Untätigkeit oder die Haltung angeblicher Neutralität – konstruiert werden.
  5. Dass das Desinteresse, die Geschichte zu kennen und zu reflektieren, vielleicht daher kommt, dass sie immer als etwas Vergangenes gelehrt wird. Jedenfalls habe ich als junger Student keinen Lehrer gefunden, der das Geschichtsstudium zum Verständnis der Gegenwart empfohlen hätte. Ich musste auf eigene Initiative suchen.
  6. In ANDORRA stellt MAX FRISCH den Protagonisten ANDRI provokativ als jemanden dar, der in den Augen der Bewohner jüdisch ist. Und die Gesellschaft Andorras formt und beeinflusst ihn als solchen. Aber er ist nicht jüdisch. Und das ist brillant als Exemplifizierung seines Themas. Es ist nicht länger ein Aufruf ausschließlich gegen Antisemitismus. Nein. ANDRI repräsentiert diese Person - oder Ethnie -, die in ihrer Identität und Geschichte entstellt ist. An jedem Ort und zu jeder Zeit. Daher die radikale Aktualität von ANDORRA.
  7. Und hier ist die Verbindung zu ANDORRA-BRASILIEN: Kürzlich hat der General der Reserve, Vize auf der Wahlliste der extremen Rechten bei der Präsidentschaftswahl, behauptet der Brasilianer habe das Ganoventum von den Schwarzen und die Trägheit von den Indigenen geerbt. Das heißt, nach meinem Verständnis könnte ANDRI – indem Max Frisch ihn treffenderweise als Nichtjuden setzt, um seine Untersuchung, wie Bewusstsein geformt wird zu erweitern - schwarz oder indigen sein. Die Stereotypen mit ihren Varianten werden weiterhin benutzt.
  8. In ANDORRA-BRASILIEN erinnern wir uns auch, dass manche für die brasilianische Gesellschaft Begriffe wie "der herzliche Mann", "das fröhliche Volk“ und die Lüge von der "Rassendemokratie" geprägt haben.
  9. ANDORRA von FRISCH dagegen ist stolz darauf, die Menschenrechte zu achten und unschuldig, rein und keusch zu sein - weiß wie Schnee. Dass die junge BARBLIN Andorra weiß streicht und am Ende, mit dem Mord an ANDRI, nachdem die Stadt „von der anderen Seite“ gestürmt wurde, verrückt wird, ist eine starke Metapher.
  10. Im dem Moment liefert die andorranische Gesellschaft, die sich für unschuldig, keusch und rein hält, gedemütigt und verängstigt, ANDRI dem Tod aus, um die eigene Haut zu retten.
  11. Und es ist bekannt, dass Angst in der Regel in der Bevölkerung aufgebaut wird, wenn man autoritäre Maßnahmen und Gewalt durchsetzen will, um sich sicher zu fühlen. Dann übernimmt man die Klischees des gesunden Menschenverstands. Zum Beispiel: ein guter Räuber ist ein toter Räuber.
  12. An der Stelle schließt sich eine weitere wesentliche Dimension an, die das Werk von Max Frisch anspricht: Schuld, Erinnerung und das Vergessen.
  13. Wie bereits erwähnt, sind wir das, was wir bewusst erinnern oder vergessen wollen. Die Figur JEMAND sagt an einer Stelle: „Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“    In ANDORRA-BRASILIEN wurden die brasilianische Militärdiktatur und all die Grausamkeiten der damaligen Zeit nie aufgearbeitet. Morde, Verfolgungen, Gefängnis, Freiheitsbeschränkungen. Es gab einmal eine "Wahrheitskommission", die verkümmerte bis sie schließlich starb. Man hat nie wieder was davon gehört. Wir leben das chronische Vergessen.
  14. Und hier kommen wir zur Frage der Einschränkung der Kunst und der Kriminalisierung des Künstlers und seiner Werke. Warum haben konservative und extrem rechte Kräfte Angst vor der Kunst? Weil sie wissen, dass die meisten Künstler das Privileg haben – oder, wenn sie so wollen, das Schicksal -, Welt-Radare zu sein. Durch ihre Werke setzen sie dem Publikum einen Spiegel vor, damit es sich darin reflektiert, ohne Angst zu haben, Paradoxa der Geschichte aufzudecken. Sie wissen, dass jedes Werk in seiner symbolischen Repräsentation die Macht hat, die politischen und sozialen Sackgassen des menschlichen Denkens zu offenbaren, zu röntgen und auf drastische Weise zu entlarven. So auch Max Frisch mit seinem ANDORRA, der uns ermöglicht, heute hier durch sein Werk miteinander zu sprechen.
  15. Zum Abschluss möchte ich noch an ein anderes Werk von Max Frisch erinnern: BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER. In dieser anderen Allegorie, die er vor ANDORRA geschrieben hat, beschreibt er eine Stadt in Angst vor den ständigen Bränden. Mit "guten Absichten" beherbergt Herr Biedermann einen Mann in seinem Haus. Dieser bringt dann einen anderen Begleiter mit, der ebenfalls mit Biedermanns Zustimmung in seinem Haus wohnt. Biedermann bemerkt, dass die beiden Gasfässer einlagern, aber er sagt und tut nichts. Als er sich bewusst wird, was geschieht, ist es zu spät. Er sieht sein Haus unter den Flammen, die seine Gäste entfacht haben, zusammenfallen. Ein weiteres verstörendes Gleichnis.
  16. Beherbergen wir in ANDORRA-BRASILIEN Brandstifter und tun so, als würden wir es nicht bemerken?
  17. Das ist die Frage. Oder die Fragen. Danke für die Aufmerksamkeit.
 

*DÉcio Antunes

Regisseur und Dramaturg der Theatergruppe JogoDeCena

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