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19.12.2017

Foto von Arjun Appadurai: Wikicommons Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)


Arjun Appadurai: „Mir wurde klar, dass das relevante Problem eher Arm gegen Reich ist”

Für den indischen Anthropologen können sowohl die Idee einer „Theorie des Südens” als auch der Begriff “Dekolonisierung” außerhalb des historischen Zusammenhangs leicht zu Klischees verkommen.

In Ihrem Plenarvortrag auf der JWTC - Konferenz über die „Theorie des Südens“ sprachen sie provokativ davon, die Existenz einer Theorie des Südens infrage zu stellen und eher an einen „Süden der Theorie“ zu glauben. Was meinten Sie damit und würden Sie dies weiterhin vertreten?

Ich meinte dies als Provokation, insofern als die Idee einer „Theorie des Südens“ bereits Gefahr läuft, zum Klischee zu verkommen. Ich wollte den Gedanken ins Spiel bringen, dass Orte und Verortungen wichtig sind für die Geografie des Wissens, es jedoch wichtiger ist, den Gedanken der Theorie selbst zu erschüttern, indem man ihn von ungewohnten Standpunkten aus betrachtet, von denen einige durchaus geografisch, andere jedoch berufsbedingt, generationenbedingt oder ideologisch sein können. Der Gedanke, sich in den Süden der Theorie zu begeben, führt auch zu der Frage des epistemologischen Status von Unterscheidungen wie Theorie / Praxis, Theorie / Beobachtung, Theorie / Daten, etc.

Wenn Süden nicht nur geografisch festgelegt ist, sondern auch eine Reihe von anderen Bedeutungen impliziert, wäre es interessant zu erfahren, was Süden für Sie persönlich bedeutet und auch innerhalb ihrer Forschung.

Mein erster Begriff von Süden, der eines Heranwachsenden im Indien der 1950er und 1960er Jahre, verbindet sich mit der sich dekolonisierenden Welt und ging um Westen und Nicht-Westen. Später wurde mir klar, dass das relevante Problem eher Arm gegen Reich ist, also Norden gegen Süden, eine Unterscheidung, die Lateinamerika deutlicher in die Geschichte von Dekolonisierung und Dependenz einbezieht. Noch später begann ich zu sehen, dass in jeden Westen ein Osten steckt (minoritäre und oppositionelle Traditionen innerhalb der dominierenden) sowie ein Süden in jedem Norden, wie ich in Städten wie Philadelphia und Chicago erkannte, mit ihren riesigen schwarzen Gettos, die ich damals zum ersten Mal sah. In diesen Stufen begann ich die Positionalität der Theorie als eher politisch denn geografisch zu verstehen.

Ich denke, Sie würden dem zustimmen, dass die Kräfteverhältnisse in der Welt sich verschieben. Brexit, Trump, Rechtspopulismus in Europa, die Positionierung von China und Russland und so weiter, sind Anzeichen dafür. Wie stehen Sie zu der Frage, welche Rolle der „Süden“ in den nächsten Jahrzehnten spielen wird und ob Europa darin vorkommen wird?

Ich glaube durchaus, dass sich das Gleichgewicht im geografischen „Süden“ verändert und Indien und China die Hauptschauplätze der Definition des Verhältnisses von Autoritarismus, schnellem Wachstum und Populismus sein werden. Europa kann in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen, indem es einen Ausgleich darstellt zu den widerstreitenden Ansprüchen Chinas und der USA nach Vorherrschaft in der Welt und China und Indien als Wettbewerber um die wirtschaftliche Dominanz in Asien. Dies kann über die EU geschehen, über globale zivile Unternehmungen wie das Goethe-Institut und über das Vorleben einer wirklichen Zukunft für demokratische Politik. Dies kann nur geschehen, wenn Europa die Probleme der Welt und seine eigenen als zwei Seiten derselben Medaille begreift.

Dekolonisierung ist der Begriff, den man in allen möglichen Zusammenhängen der Globalisierung hört. Wohin führt diese Dekolonisierung, oder existiert sie lediglich als theoretische Konstruktion, die wiederum dekonstruiert werden sollte?

Ja, ich fürchte, Dekolonisierung ist zu einer viel zu schwammigen Kategorie geworden, die mittlerweile auf alle möglichen Bewegungen, Ansätze und Bestrebungen angewandt wird, von denen viele nichts mit tatsächlichen Kolonien oder Kolonialismus zu tun haben. Ich verwende den Begriff Dekolonisierung lieber in Bezug auf den genauen Moment, in dem viele Länder in Asien, Afrika und im Mittleren Osten in den 1940er und 1950er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten. Der Fall Lateinamerika ist interessant, doch er spielte sich mehr als ein Jahrhundert früher ab und zudem unter Bedingungen des vorindustriellen Kapitalismus. Dennoch ist es der erste wirkliche Dekolonisierungsprozess, den wir tatsächlich kennen. Das alles interessiert mich, nur nicht der gegenwärtige Trend, ohne Bezug zu spezifisch historischen Fällen mit Worten wie „dekolonial“ um sich zu werfen.

Was ist Ihr Süden?

Mein Süden ist der Ort, an dem marginale Bevölkerungen auf marginalisierende Theorien treffen und unter deren Vorherrschaft leiden. Dieser „Süden“ kann überall sein, und an jedem dieser Orte muss sich mit ihm auseinandergesetzt werden.



Arjun Appadurai, Soziokultureller Anthropologe, Indien / USA, Goddard Professor für Medien, Kultur und Kommunikation an der New York University, dort auch Senior Fellow des Institute for Public Knowledge. 2016/17 Gastprofessor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin. Autor zahlreicher Grundlagenwerke auf dem Gebiet der Globalisierungsstudien, darunter jüngst „Banking on Words. The Failure of Language in the Age of Derivate Finance“ (2015).


Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts São Paulo und Regionaldirektorin für Südamerika, führte das Interview.