David Oels im Interview Leidenschaft für das Sachbuch

David Oels ist Juniorprofessor für Buchwissenschaft an der Universität Mainz und renommierter Sachbuchforscher. Er findet, dass das Sachbuch kulturgeschichtlich viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Juniorprof. Dr. des. David Oels; Foto: Peter Pulkowski Juniorprof. Dr. des. David Oels | Foto: Peter Pulkowski Herr Oels, gibt es eine stichfeste Definition des Sachbuchs?

Es gibt sie auf dem deutschen Buchmarkt tatsächlich erst seit 2007: Ein Sachbuch ist demnach wissensorientiert und für den privaten Bereich gedacht. Damit grenzt es sich vom wissenschaftlichen Fachbuch und praxisorientierten Ratgeber ab. 2007 konnten zum ersten Mal die tatsächlichen Marktanteile des Sachbuchs, nämlich rund zehn Prozent, ermittelt werden. Wagt man den Vergleich mit dem Ausland, stößt man schnell an Grenzen, weil der ausländische Buchmarkt unter Sachbuch oft etwas anderes versteht als wir. Das ergibt sich schon aus den Übersetzungen dieses Spartennamens in verschiedene Sprachen: non-fiction, text book, essai oder libros de non ficción. Ich glaube, dass unser Begriff des Sachbuchs eine sehr deutsche Eigenart ist, die man schlecht vergleichen kann.

Wie weit reicht dieser Begriff zurück?

Den Sachbuchbegriff, wie wir ihn heute verwenden, gibt es in Deutschland erst seit den 1950er-Jahren. Durchgesetzt hat er sich mit der Veröffentlichung der ersten Spiegel-Bestsellerlisten 1961, wo seitdem über der rechten Spalte der Begriff Sachbuch steht. In früheren Listen, zum Beispiel im Seller-Teller der Wochenzeitung Die Zeit, gab es eine solche Unterteilung nicht. In dieser Spalte finden sich Titel, die zwar einen Sachinhalt haben, aber von ihrer Form und Verbreitung her wie Belletristik funktionieren. Sie werden aus Interesse und fern von beruflicher Verwendung gelesen. Diese Lektüre wurde anfangs als neu wahrgenommen. Im Feuilleton sprach man damals noch etwas despektierlich vom sogenannten Sachbuch oder vom Sachbuch in Anführungszeichen. Meine literaturaffine Großmutter kommentierte ganz in diesem Sinne die Lektüre ihres Mannes mit einem lapidaren: „Ach, er liest wieder nur ein Sachbuch.“

Begeistern sich vor allem Männer für Sachbücher?

Viele Studien bestätigen uns heute, dass der Sachbuchleser eher männlich ist. Es gibt auch überwiegend männliche Autoren in diesem Bereich. Verblüffend sind aber die Ergebnisse der Leserforschung: Sachbücher werden nicht grundsätzlich anders gelesen als Romane. Der Sachbuchleser ist nicht nur auf der Suche nach praktischem Wissen, sondern zieht aus der Lektüre von Biografien, Reiseberichten und historischen Sachbüchern Inspiration für Tagträume und Wünsche. Vor allem Männer genießen diese emotionale Sachbuchlektüre. Ich selbst bin ein Gegenbeispiel für die Statistik, denn ich habe früher mehr Romane gelesen.

Woher kam Ihre Leidenschaft für das Sachbuch?

Ab dem Jahr 2000 sprach man in der deutschen Literaturwissenschaft von einer Wiederkehr des Erzählens. Mir fiel auf, dass man dafür Bücher in Anspruch nahm, die sehr sachhaltig erzählen, zum Beispiel Patrick Süskinds Das Parfüm und Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit. Ich fragte mich, ob es nicht genau diese Form des Erzählens im Sachbuch zwischenzeitlich schon gegeben hatte. Meine These hat sich bestätigt und eröffnete mir ein spannendes Feld. Obwohl unsere Gesellschaft mindestens ebenso stark durch die Sachbuchliteratur wie durch die Belletristik geprägt wird, ist das Sachbuch als Forschungsgebiet noch nicht erschlossen. Diese Vernachlässigung hat es nicht verdient.

Erzählende Sachbücher und sachliche Romane. Das klingt nach vertauschten Vorzeichen.

Dieses Phänomen tritt immer wieder in Wellen auf. Interessanterweise nannte man die Vorform des Sachbuchs im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts „Tatsachenroman“. Wenn wir noch weiter zurückblicken, können wir einen Boom auf dem Sachbuchmarkt im 19. Jahrhundert beobachten. Damals war Wissenspopularisierung angesagt und viele renommierte Wissenschaftler wie Humboldt oder Liebig ließen sich darauf ein. Und auch der erste deutschsprachige Nobelpreisträger Theodor Mommsen erhielt die Auszeichnung 1902 für ein Sachbuch: seine Römische Geschichte.

Wie geht es dem Sachbuch heute?

Der Markt reflektiert vor allem große gesellschaftspolitische oder ökologische Debatten, die in Deutschland stattfinden. Ohne vorherige mediale Begleitung oder mediales Aufsehen gibt es heute so gut wie keine Sachbucherfolge. Ein Beispiel hierfür ist die Sarrazin-Debatte. In jedem Fall stammen die meisten erfolgreichen Sachbücher hierzulande aus der Feder deutschsprachiger Autoren. Übersetzte Sachbücher haben es im Vergleich mit übersetzter Belletristik schwerer. Sicherlich liegt es daran, dass man beim Lesen eines übersetzten Romans das Fremde erwartet. Beim Sachbuch hingegen sollen Beispiele eine Sache näherbringen und nicht durch Übersetzung eine Fremdheitserfahrung hervorrufen. Sachbücher müssten deshalb anders übersetzt werden als Romane. Erfreulicherweise spielt das Sachbuch im Qualitätsfeuilleton heute eine viel größere Rolle als noch vor dreißig Jahren, was für die kulturelle Anerkennung des Autors, seines Themas und des Verlags wichtig ist. Gleichzeitig reflektiert diese Aufmerksamkeit das gesteigerte Interesse am Buch als Objekt für kulturelle Auseinandersetzungen. Dabei spielt das Sachbuch eine zunehmend wichtige Rolle.

Das Institut für Buchwissenschaft an der Universität Mainz bietet einen Vollstudiengang in Buchwissenschaft an. Es bildet den Nachwuchs für die Buchbranche im weiteren Sinne aus, das heißt für Verlage, Branchenvertretungen sowie Institutionen der Buchvermittlung und Leseförderung. Schwerpunkte sind praxisorientierte Themen wie Käufer-Leser-Forschung, Situation des Buchhandels in Deutschland, Medienökonomie und Medienrecht. Im Forschungsbereich setzen sich Studenten auch mit historisch-kulturwissenschaftlichen Themen auseinander, zum Beispiel Buchhandelsgeschichte, historische Leserforschung, das Buch im Medienverbund und die historische und praktische Buchgestaltung.