Clemens Meyer Blick in die Eingeweide der Gesellschaft

Clemens Meyer; © Gaby Gerster
Clemens Meyer | Foto (Ausschnitt): © Gaby Gerster

Mit stilistischem Wagemut und erzählerischem Überschwang hält Clemens Meyer der Gegenwart einen Spiegel vor.

Über Clemens Meyer sind mehr Legenden im Umlauf als über alle anderen Schriftsteller seiner Generation. Er wurde 1977 in Halle geboren, und sein Debütroman Als wir träumten erschien 2006; es war also gar nicht viel Zeit zur Legendenbildung. Doch sie erfolgte, und eine der Legenden lautet, Meyer wäre festgelegt auf die dunklen Seiten des Lebens. Eine weitere nennt ihn das Enfant terrible der deutschen Literatur, eine andere erklärt ihn zum Chronisten von Leipzig, wo er aufwuchs und heute noch lebt. Es steckt Wahrheit in all dem, doch Meyers Bücher bieten noch viel mehr.

Über Als wir träumten geht das Gerücht, dass der Roman als Manuskript doppelt so dick gewesen sein soll wie in der gedruckten Fassung. Von Im Stein, dem 2013 erschienenen Nachfolger, behauptet Clemens Meyer selbst das Gleiche. Die Maßlosigkeit ist eine Kategorie, mit der er nicht nur produktionstechnisch kokettiert, sondern auch ästhetisch: Die Figuren in beiden Romanen sind überreich an Erfahrungen, die einem bürgerlichen Publikum fremd sind. Die jugendlichen Kriminellen des Debüts Als wir träumten durchleben die Nachwendephase in einem Leipzig, das nur denen Platz bietet, die bereit sind, ihn sich zu erkämpfen: sportlich im Boxring und gesellschaftlich in aufgelassenen Industriebrachen und verkommenen Vierteln. Hier bilden und amüsieren sich neue Eliten, nachdem die alten mit dem Zusammenbruch der DDR untergegangen sind.

In Im Stein dagegen gibt Meyer dem Schauplatz des Hauptgeschehens keinen konkreten Namen mehr, er wird nur noch als „die Stadt“ bezeichnet. Doch die Struktur des Vorgängers bleibt insoweit erhalten, dass hier noch einmal der Kampf um diese Stadt geführt wird, diesmal um ihre Seele. An die Stelle des kriminellen Milieus ist eine Szene getreten, die seit einigen Jahren in Deutschland entkriminalisiert werden soll: die Prostitution. Meyer erzählt in Im Stein die Geschichte dieses Gewerbes von den Achtzigerjahren in Ost- und Westdeutschland über die Wiedervereinigung bis in die Jetztzeit.

Faszination für Figuren vom sozialen Rand

Mit seinem Blick in die Eingeweide der Gesellschaft nimmt Meyer eine literarische Tradition auf, die in Deutschland bis zu Alfred Döblin zurückgeht und in Hubert Fichte und Wolfgang Hilbig jeweils einen modernen Exponenten in der Bundesrepublik und in der DDR gefunden hatte. Das sind die drei einheimischen Gewährsleute Meyers. An internationalen Vorbildern nennt er vor allem den Amerikaner John Dos Passos. Alle diese Autoren teilen nicht nur Meyers Faszination für Figuren vom sozialen Rand und für erzählerischen Überschwang. Alle waren auch experimentierfreudig, führten ihre Prosa gleichfalls dorthin, wo ihre Figuren standen: an den Rand. Und darüber hinaus.

So auch Meyer, und das ist ihm verübelt worden, wie es jedem Neuerer geschieht. Sein Pathos, das sich aus tiefer Zuneigung zu den Protagonisten speist, sein stilistischer Wagemut, der den Roman als Montagephänomen begreift und seine wandlungsfähige Vielstimmigkeit haben beim Publikum sowohl Begeisterung als auch Ratlosigkeit hervorgerufen. Wer nicht ein bedingungslos liebender Lesender ist, der wird nicht nachvollziehen können, was Meyer als ein bedingungslos liebender Autor schreibt.

Maßlose und doch pointierte Erzählkunst

Er selbst legt Wert auf die Ökonomie seines maßlosen Erzählens. Die Fülle an Figuren, Fakten, Fiktionen ist Mittel zum Zweck einer umso präziseren Montage, die musikalischen Prinzipien folgt. In den beiden Story-Bänden Meyers, Die Nacht, die Lichter von 2008 und dem zwei Jahre später erschienenen Gewalten, bekommt man auch praktisch vorgeführt, wie pointiert dieser Autor zu erzählen weiß. Dass dabei bereits Personen, Orte und Motive vorkamen, die dann variiert in Im Stein eingingen, beweist einmal mehr die vom Autor behauptete Ökonomie.

Auf seine bislang schönste Erzählung Rückkehr in die Nacht verwendete Clemens Meyer allerdings vier Jahre, parallel zur Niederschrift von Im Stein. In dieser 2013 erschienenen Kurzgeschichte hat er ein altes Verbrechen zur Grundlage einer Rache gemacht, der die Protagonisten nicht entrinnen können. Es ist ein archaisches Geschehen in der heutigen Stadt Leipzig (die nicht namentlich genannt, aber an zahllosen Handlungsorten kenntlich gemacht wird), das zum Spiegelbild der Gegenwart wird. Meyer beherrscht meisterhaft die Kunst, diese Reflexionen im steten Wechsel trübe und schillernd zu inszenieren. Und nicht notwendig behält dabei die düstere Seite die Oberhand. Als wir träumten endet mit dem Satz: „Wir rückten zusammen und aßen und tranken und waren glücklich“. Das Finale von Im Stein schildert eine im doppelten Sinne überwältigende Liebe jenseits der Grenzen des Üblichen. Und Rückkehr in die Nacht schließt mit: „Ich sage ‚gut, gut’“. Es ist das Glück, das alle Meyerschen Protagonisten suchen und nicht wenige auch finden. So wie seine Leser.