Frauenzeitschriften
„Immer noch stigmatisiert“

Leserin
Leserin | Foto (Ausschnitt): © Antonioguillem - Fotolia.com

Die „Brigitte“ hat das Seniorinnenalter erreicht – sie ist 60 geworden. Frauenzeitschriften wie sie sind in den vergangenen Jahrzehnten mit der Zeit gegangen und der Emanzipation der Frau gefolgt. Dennoch werden sie bis heute gesellschaftlich oftmals nicht ernst genommen, sagt Dr. Kathrin Friederike Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts „Das mediatisierte Zuhause“ an der Universität Münster.

Frau Müller, was macht Frauenzeitschriften heutzutage aus und wie spiegeln sie die Gesellschaft wider?

Man muss zunächst unterscheiden, über welche Unterkategorien von Frauenzeitschriften man redet. Klassische Frauenzeitschriften wie Brigitte, Für Sie oder Freundin kann man nicht unbedingt mit den Heften der Regenbogenpresse wie Bunte, Gala oder feministischen Frauenzeitschriften wie Emma vergleichen. Aber Frauenzeitschriften im weiteren Sinn gehören zu den wenigen Medien, die Themen aus dem Lebenszusammenhang von Frauen aufgreifen, die in anderen Medien nicht vorkommen. Dass es dabei in einer klischeehaften Art und Weise darum geht, was Weiblichkeit ausmacht und wie Frauen definiert werden, ist klar. Denn Frauenzeitschriften spitzen sich immer wieder auf den Aspekt zu, dass das Geschlecht im Mittelpunkt steht. Deshalb geht es dort auch um Themen wie Schönheit, Kosmetik, Kochen – um traditionelle Frauenthemen eben.

Fühlen sich moderne Frauen überhaupt noch von diesen spezifischen Frauenthemen angesprochen?

Auf jeden Fall. Es kommt aber immer darauf an, wie sie journalistisch aufgearbeitet sind. Ich habe für meine Dissertation 19 Brigitte-Leserinnen befragt, warum sie die Zeitschrift lesen. Diese Frauen suchen sich die Brigitte bewusst aus, weil sie sie für qualitativ hochwertiger, emanzipierter und politisch anspruchsvoller halten als andere Frauenzeitschriften. Aber gleichzeitig wollen sie sich auch als Frau erleben und sich mit Themen auseinandersetzen, die mit der weiblichen Geschlechterrolle in dieser traditionellen Form oder mit weiblichen Alltagserfahrungen, die häufig in anderen Medien nicht vorkommen, zu tun haben.

Frauenzeitschriften lesen gehört sich nicht

Warum geben viele Frauen nicht gerne zu, dass sie Frauenzeitschriften lesen?

Kathrin Friederike Müller Kathrin Friederike Müller | © Kathrin Friederike Müller Das ist ein ganz typisches Phänomen, das in der Wissenschaft „soziale Erwünschtheit“ heißt. Es beschreibt, dass man Dinge, von denen man weiß, dass sie bei anderen nicht gut ankommen, nicht gerne zugibt. Und Frauenzeitschriften sind eben immer noch ein Medium, das stigmatisiert ist. In Deutschland ist das extremer als in anderen Ländern. Alles, was mit Unterhaltung zu tun hat, ist hier immer etwas verpönt. Dazu kommt die geschlechtsbezogene Komponente. Das heißt, Frauenzeitschriften sind schon immer als wenig seriös, irrelevant und nicht ernstzunehmend bewertet worden. Das wissen die Leserinnen und geben deshalb nicht gerne zu, dass sie sie lesen.

Grundsätzlich gilt, dass Medieninteressen von Frauen immer abgewertet worden sind. Das kann man gut daran sehen, wenn man sie mit dem Interesse an Sport, einem klassischen Männerthemenfeld, vergleicht. Sport ist gesellschaftlich anerkannt und wird auch als journalistisches Ressort ganz anders gehandelt. Es wird überhaupt nicht darüber debattiert, ob man beispielsweise die Fußball-Weltmeisterschaft anschaut, man dafür früher von der Arbeit weggeht oder Veranstaltungen anders legt. Das wäre bei geschlechtsgebundenen Inhalten, die primär Frauen interessieren, überhaupt nicht denkbar. Alles, was vor allem Männer relevant finden, wird in der Gesellschaft immer noch als wichtiger erachtet.

Die „Brigitte“ ist im Mai 2014 stattliche 60 Jahre alt geworden. Was unterscheidet die Mutter aller Frauenzeitschriften von den anderen?

Die Brigitte hat einen anderen Anspruch, ein anderes Konzept bezüglich der Integration von Politik, Gesellschaftskritik und Interviews mit Personen der Zeitgeschichte. Schon in den 1970er-Jahren hatte die Brigitte ein anderes Image, weil sie sich damals für Frauenrechte einsetzte: Sie hat sich beispielsweise ganz klar gegen den Paragraphen 218 positioniert, sich für die Berufstätigkeit von Frauen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausgesprochen.

Feminismus – ein strittiges Thema

Fanden „Brigitte“-Leserinnen damals auch die feministische Frauenzeitschrift „Emma“ gut?

Aus meiner Studie weiß ich, dass Frauen damals häufig beides gelesen haben. Aber dann gab es einen Moment der Entscheidung. Emma war den Brigitte-Leserinnen doch zu radikal. Sie fanden, dass Emma nicht adäquat abbildet, wie sie ihre Beziehung leben und wie ihr Verhältnis zu ihrem Partner ist.

Warum hat die „Brigitte“ den Feminismus-Exkurs wieder verlassen?

Frauenzeitschriften sind ja zuallererst daran interessiert, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Das gilt für die Brigitte ganz besonders, weil sie auf die breite Mittelschicht zielt. Deshalb wurden die spezielleren, die politischen und feministischen Themen wieder aus dem Heft genommen.

Welches Frauenbild spiegeln Frauenzeitschriften eigentlich wider?

Man kann anhand von Frauenzeitschriften sehen, was gerade der „Common sense“ ist, was die Zielgruppe als Normalität, Idealbild oder gelungenen weiblichen Lebensentwurf sieht.

Wie werden sich Frauenzeitschriften weiterentwickeln, auch im Zusammenhang mit Neuen Medien und dem Überangebot von Inhalten, das durch das Internet entsteht?

Ich denke, dass die klassischen Medien – Zeitschriften und auch andere – immer eine Chance haben werden. In manchen Situationen sind sie auch funktionell: Eine Zeitschrift ist unempfindlicher als ein Tablet, man kann sie überall hin mitnehmen. Sie verbreitet auch Gemütlichkeit. Leserinnen finden es schön, etwas in der Hand zu haben. Damit ist auch Entspannung verknüpft und es hat einen Belohnungseffekt, wenn man sich eine Zeitschrift gönnt. Aber das Internet ist natürlich auch eine Konkurrenz, gerade für jüngere Leserinnen, weil es viele Inhalte kostenlos gibt.