Anna-Katharina Hahn Das Kleid meiner Mutter

Die eigentliche Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist (…) die Spanierin Ana María. Sie gehört der desillusionierten jungen Generation Südeuropas an: gut ausgebildet, aber ohne jede Chance auf eine angemessene Beschäftigung. In ihrer Clique nehmen sie ab und zu desaströse Gelegenheitsjobs an, aber sie ziehen notgedrungen wieder in ihre Kinderzimmer bei den Eltern zurück und sind von ihnen abhängig. Hier entsteht ein hautnahes Bild des aktuellen Spanien und der europäischen Misere, das Porträt einer verlorenen Jugend. Anas Clique nennt sich „La Plaga“, und wie sie sich abends die Zeit zu vertreiben suchen, verweist untergründig auf das Kompositionsprinzip des Romans. Sie erzählen sich gegenseitig Geschichten und geben sich dabei strenge literarische Regeln: Es muss in der Gegenwart spielen und wirklich passiert sein.
Das Modell der Geschichte in der Geschichte, der Erzählverschachtelungen und -verpuppungen zeigt sich im Verlauf des Romans immer radikaler, und dabei geht der realistische Ton allmählich in etwas anderes über. Es beginnt damit, dass die Eltern Anas überraschend sterben. Das nimmt einen Zug ins Traumhafte, Unwirkliche an: Ana, die nicht weiß, wie sie die Wohnung halten und sich finanzieren soll, akzeptiert diesen Tod nicht, sie streift den Toten neue Kleider über und setzt sie in zwei Sessel am Fenster. (…) Es beginnt ein unerwartetes Spiel mit der Märchenstruktur, das immer neue Überraschungsmomente bereithält.
 

Anna-Katharina Hahn
Das Kleid meiner Mutter
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016
ISBN 978-3-518-42516-9
311 Seiten