Radek Knapp Der Gipfeldieb

Er ist nur ein junger, bescheidener Heizungsableser, dem plötzlich der Sinn danach steht, eine kurze Lebensbilanz zu ziehen. Und doch braucht man nicht mehr als zwei, drei Seiten seines Monologs zu lesen, um sich mitten in jenem Wien voller schräger Figuren und absurder Situationen wiederzufinden (…). Denn Ludwik Wiewurka (…) hat zwar keine spektakulären Erfolge, dafür aber einen höchst abenteuerlichen Lebenslauf vorzuweisen: mit zwölf Jahren von der eigenen Mutter aus der behüteten Umgebung eines Warschauer Vororts und der Geborgenheit des großelterlichen Hauses herausgerissen und nach Wien entführt. Dort trotz verzweifelter Proteste mit Gewalt festgehalten. Gezwungen, im Eiltempo die Spielregeln der völlig anderen Realität und eine verhasste Sprache zu lernen.
(…) die Art, in der Knapp die Geschichte des Ludwik Wiewurka erzählt, macht ihm keiner so schnell nach: meistens lakonisch, humorvoll und so temporeich, dass der Leser nur wenig Zeit hat, über eine Pointe oder eine kuriose Charakterzeichnung zu schmunzeln, weil er schon auf die nächste stößt, manchmal aber auch leise und nachdenklich. Dass er nebenbei eine herrliche Karikatur der "Plüschstadt" Wien mit ihrer altmodischen Eleganz und ihrem Hang zum Morbiden liefert sowie einige äußerst aktuelle Gedanken über das Schicksal von Flüchtlingen und Emigranten äußert, macht den Roman umso lesenswerter.
 

Radek Knapp
Der Gipfeldieb
Piper Verlag, München, 2015
ISBN 978-3-492-05705-9
208 Seiten