Michael Köhlmeier Das Mädchen mit dem Fingerhut

Michael Köhlmeier ist ein stiller Mann. Und dies ist ein stilles Buch: Sein Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ beschreibt einen großen, lautlosen Raum und ein Kind, das sich durch diesen Raum bewegt und überlebt. Im Moment werden viele dieses Buch ganz konkret lesen und vermuten: Michael Köhlmeier hat sich ein sechsjähriges Flüchtlingsmädchen vorgestellt, das allein in einem reichen Land zurückgelassen wird, dessen Sprache es nicht spricht. Das hungert und gefährlich erkrankt, das Freunde findet und verliert, von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht wird, aus dem Heim ausbüxt und vagabundiert, bis eine böse, alte Frau es in ihrem Knusperhäuschen einsperrt.
Aber so – als Abenteuergeschichte, Märchen oder Rührstück – erzählt Michael Köhlmeier die Geschichte nicht. (...) In Österreich ist der Romancier Köhlmeier auch als Nacherzähler von Sagen des klassischen Altertums, als Kenner von Mythen und Legenden bekannt. Er hat ein Gespür für die Urkräfte des Erzählens, die aus der Stille kommen und zeitlos wirken. Wie Hans Christian Andersen, dessen „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ schon im Titel mitklingt, nutzt er die sprachbildende Kraft von Volkserzählungen, um eine Sozialreportage in eine Geschichte zu verwandeln, die in den Grund einsickert, auf dem wir stehen.

Michael Köhlmeier
Das Mädchen mit dem Fingerhut
Carl Hanser Verlag, München, 2016
ISBN 978-3-446-25055-0
144 Seiten