Michael Kumpfmüller Die Erziehung des Mannes

(…) die Geschichte des Komponisten Georg darf durchaus beanspruchen, die verworrene Lage des männlichen Geschlechts im bundesdeutschen Hier und Jetzt zu erläutern. Aber von einem Ausflug in die Gefühlswelt eines Paares der Literaturgeschichte hat Kumpfmüller sich einen intimeren Erzählgestus bewahrt. Er reist gleichsam mit leichterem Gepäck. Ohne die stofflichen Frachten des klassischen Zeitromans, dafür mit dem überschaubareren Equipment eines Entwicklungsromans, auf dessen Konzept schon der Titel hinweist: Er zitiert Gustave Flauberts L’Éducation sentimentale, im Deutschen wahlweise als Die Erziehung des Herzens oder Die Erziehung der Gefühle übersetzt. Flauberts Kälte ist bei Kumpfmüller nun nicht zu finden. Aber was den Charakter von Flauberts Helden betrifft, dieses Meisters des opportunistischen Schlingerns und der Indifferenz, da kann Georg locker mithalten. Vor allem, wenn das Leben ihn mit dem weiblichen Geschlecht konfrontiert. Georgs Liebesleben in Kurzfassung: Die Frauen zeigen, wo es langgeht, und Georg geht mit. (…) Zu den Stärken des Romans zählt eine Qualität, auf die bei Kumpfmüller seit je Verlass ist: die unverblendete, aber nie kalte Sicht auf seine Figuren.
 

Michael Kumpfmüller
Die Erziehung des Mannes
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016
ISBN 978-3-462-04481-2
320 Seiten