Siegfried Lenz Der Überläufer

Aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen Siegfried Lenz wurde ein Schatz geborgen: „Der Überläufer“ ist ein großartiges Buch und ein Zeugnis davon, wie junge deutsche Veteranen sich nach dem Zweiten Weltkrieg fühlten. Das Buch, Siegfried Lenz’ zweiter Roman, war 1951 vom Verlag abgelehnt worden, mit höchst dubiosen Begründungen ...(...) Der 26 Jahre alte Autor hat die Kränkung hingenommen, das Manuskript beiseite gelegt und es dann vergessen.
Walter Proska ist dieser Überläufer, ein junger Soldat, der 1944 in Schlesien im Feld liegt. Mit seiner kleinen Einheit befindet er sich im sommerlich-heißen, sumpfigen Nirgendwo. Seine Feinde sind bissige Fliegen und Partisanen. Zur Wehrmachtsdienststelle im nächsten Ort gibt es keinen Kontakt. Die Handvoll Soldaten fühlt sich allein gelassen. Jeder wird, seiner jeweiligen Natur gemäß, ein wenig irre. (...) Der stetigen Beschallung mit politisch-existentialistischen Bedenken entkommt Proska, indem er einen Entschluss fasst: zu den Partisanen überlaufen, und sei es zu den Sowjets. (...) Aus eigener Erfahrung wusste Siegfried Lenz, was Proska durchmacht, was ihn zum Desertieren treibt: Er selbst war, eingezogen zur Kriegsmarine, eigentlich ein standhafter deutscher Soldat. Erst 1944, berichtet sein Biograf Erich Maletzke, kamen dem etwa Achtzehnjährigen Zweifel – ungefähr zur selben Zeit wie seinem Protagonisten Proska. Kurz vor Kriegsende desertierte Lenz.
 

Siegfried Lenz
Der Überläufer
Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg, 2016
ISBN 978-3-455-40570-5
368 Seiten