Bodo Kirchhoff Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis Foto: © Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016 Eine Begegnung, wie aus dem Märchen: Eine Frau klingelt an der Tür der Wohnung eines Mannes, beide, die Frau und der Mann sind leidgeprüft und ein bisschen ermüdet vom Leben, beide sind sie aufs Engste mit ihrer Vergangenheit liiert, mehr als mit dem Jetzt, sie erkennen sich in ihrer Verlorenheit und beschließen, obwohl sie sich gerade erst kennengelernt haben, zu zweit eine Reise mit dem Auto zu machen. (…)
Beide, Reither und Leonie Palm, (…) tragen an ihren Geschichten. Erinnerungen seien Einflüsterungen, „die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides“, heißt es einmal. Die Reise, die sie bis nach Catania auf Sizilien führt, ist der Versuch, den schweren Erinnerungen eine leichtere Gegenwart gegenüberzustellen, die Erfahrungsbilanz ein wenig auszugleichen und noch einmal etwas zu wagen.
Hier wird auch eine Liebe im Schnelldurchlauf geschildert: ein gedankenverlorener Aufbruch, toll und ohne Zukunftssorge, immer nur den nächsten Schritt gehend; die Frage, was diese Beziehung sein könnte; schließlich das Einbrechen des Draußen - und das Ende, der Abschied. Die Welt begegnet den beiden bedächtig Liebenden in Gestalt eines verwilderten Mädchens. Es ist plötzlich da, verwahrlost und stumm, und es schließt sich ungefragt dem Paar an – die folgenreichste unerhörte Begebenheit dieser Novelle. Plötzlich wird alles anders, die Reise braucht nun ein Ziel oder zumindest eine Richtung. An dem rätselhaften Mädchen erweist sich die Kraft und die Ohnmacht des Zusammenseins; es hat etwas Verzauberndes oder Verhexendes, man wird aus ihm nicht schlau.

Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2016
ISBN 978-3-627-00228-2
224 Seiten