Brigitte Kronauer Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer: Der Scheik von Aachen Foto: © Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2016 Schon als Kind habe sie schrecklich gern geschaukelt, „so hoch, wie es ging, und so tief, wie es ging“, bemerkt die Hauptfigur Anita Jannemann einmal wie nebenbei, mitten in einer Erzählung, die sich um ihre Begeisterung für die Bergwelt dreht und um ihren Geliebten Mario, einen Hobby-Bergsteiger, der „Bergluftaroma“ verströmt und so kernig-männlich dasteht, dass sich die Balken biegen.
Überhaupt macht die 42-jährige Anita anfangs einen eher blauäugig verstrahlten, um nicht zu sagen: früh verschrullten Eindruck. Für ihre „Großliebe“ Mario ist sie aus der Schweiz in ihre Heimatstadt Aachen zurückgezogen, wo sie übergangsweise in einem sonderbaren Devotionalienladen am Dom arbeitet. Samstags besucht sie ihre Tante Emmi, die mit Sherry und Geschichten von einer alles überschattenden Trauer abgelenkt werden will: Ihr Sohn Wolfgang war als Kind tödlich verunglückt, abgestürzt von einer Birke. Der Name Wolfgang ist seitdem tabu. (…)
Grandios, wie Brigitte Kronauer die unterschiedlichen Tonlagen von Tante und Nichte in einer Art Salon-Burleske aufeinanderkrachen lässt: Weil Anita meistens in höheren Sphären schwebt, holt die (bei aller Trauer) ziemlich derbe Emmi sie auf den Boden der Tatsachen und zum zentralen Thema zurück. (…) Ganz sachte sollen die Erzählungen der Tante über ihr Unglück hinweghelfen, denn dieser Roman ist auch ein trickreicher Trostbringer – ähnlich wie das romantische Märchen vom Scheik und zugleich fest in der Gegenwart verankert, vom Tablet der techniksüchtigen polnischen Hausangestellten bis zum, tja, facettenreichen Vokabular der Tante („Häh?“).

Brigitte Kronauer
Der Scheik von Aachen
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2016
ISBN 978-3-608-98314-2
399 Seiten