Katja Lange-Müller Drehtür

Katja Lange-Müller: Drehtür Foto: © Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016 Asta steht am Münchner Flughafen, neben einer selten benutzten Drehtür bei den Mietwagen und raucht verzweifelt Duty-Free-Kippen. Sie wirkt nicht nur verloren, sie ist es auch, so wie ihr Gepäck ganz konkret auf der Strecke blieb, irgendwo zwischen Nicaragua und Deutschland. Die Hauptfigur von Katja Lange-Müllers neuem Roman hat die letzten 22 Jahre ihres Lebens in Managua und an anderen fernen Orten, in Djerba, in Ulan Bator, verbracht, im Dienst von Hilfsorganisationen. Am Ende ging sie ihren Helferkollegen wohl nur noch auf den Wecker mit ihrer Schusseligkeit und wurde pünktlich zum Eintritt ins Rentenalter mit sanftem Nachdruck in ihr Heimatland befördert.
Dort grübelt sie über diese seltsamen Wesen, die Wörter nach: „Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden? Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes , das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“
Von der Stimme in ihrem Kopf wird Astas Blick auf Passanten gelenkt, die ihr bekannt vorkommen und Erinnerungs-Links zu Episoden aus ihrem ziemlich bewegten Leben legen. (…) Was sich einbrennt und nach Jahrzehnten noch leuchtet oder schmerzt, sind einzelne Bilder, Situationen, Gespräche. Und dann sitzt man am Ende da wie Asta in ihrer unwirtlichen Transitzone, die nirgendwo mehr hinführt, außer aus dem Leben heraus, und hat Bilder vor Augen und Worte im Ohr. „Blitzgewitter, denkt Asta, das Wort ist mir lange nicht mehr, jetzt aber tatsächlich blitzartig eingefallen. Artiger Blitz? Bullshit.“

Katja Lange-Müller
Drehtür
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 2016
ISBN 978-3-462-04934-3
224 Seiten