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Essay
Die Letze Vorstellung

Empty Stage / Roland Schimmelpfennig
© Shutterstock

In "Die Letze Vorstellung," sinniert Roland Schimmelpfennig über die Bedeutung des Theaters und die Auswirkungen der globalen Pandemie auf die Gemeinschaft der Bühne.

Ein Mann steht allein auf der Bühne eines Theaters. Die Bühne ist leer. Hinten, an der hohen gemauerten Rückwand des Bühnenhauses leuchtet über einer feuerfesten Metalltür ein Schild: NOTAUSGANG - aber die Tür ist zu, festverschlossen. 

Ein paar Dekorationsteile lehnen noch links hinten an der Wand, gestern wurde hier vielleicht noch „Romeo und Julia“ gespielt. Oder „Der zerbrochene Krug“, oder ein irgendein anderes Stück, vielleicht sogar eines von mir, denn damit habe ich bis vor kurzem mein Geld verdient: mit denAufführungen meiner Theaterstücke.
empty stage

Vielleicht brennt auf der Bühne so auch wie Zuschauerraum sogar nur noch die trübe
Notbeleuchtung.

Auf den Arbeitsgalerien links und rechts an den Seiten hoch über der Bühne hängen unzählige Scheinwerfer. Nummerierte Seilzüge führen rechts und links unter die Decke des Theaters in den sogenannten „Schnürboden“, von dem große Prospekte herabfahren können: hier auf dieser Bühne war bis gerade eben noch alles möglich, dieser Raum konnte sich in eine Heidelandschaft in Schottland wie bei Macbeth oder in Fausts Studierzimmer oder auch in einen abstrakten weißen Kubus als Sinnbild der Welt verwandeln, auf den Brettern dieser Bühne war alles, alles möglich, denn die ganze Welt ist eine Bühne, wie es bei Shakespeare heisst - aber das einzige Licht, das
jetzt noch brennt, sind nur ein paar Leuchtstoffröhren, das sogenannte Arbeitslicht. Vielleicht brennt auf der Bühne so auch wie Zuschauerraum sogar nur noch die trübe
Notbeleuchtung.

Der Mann, der allein auf der Bühne steht, ist Anfang 50. Der Mann schwitzt leicht und fröstelt gleichzeitig, die Gesten des Mannes sind fahrig, nervös, der Mann kann nicht stillstehen, er geht auf und ab, und fährt sich dabei immer wieder mit den Händen durch die verschwitzten Haare. Der Mann hustet leicht, er versucht den Husten zu unterdrücken, aber er wird den Hustenreiz nicht los, der einsame Mann auf der Bühne hätte gerne einen Schluck Wasser, er tritt an die Bühnenkante und wendet sich zum Zuschauerraum, „hat jemand“, will der Mann sagen, „hat jemand vielleicht einen Schluck Wasser für mich“ -, aber dann überkommt den Mann ein weiterer Hustenkrampf, er versucht noch, sich im letzten Moment die Hand vor den Mund zu halten, aber der Hustenkrampf ist zu stark, der Husten zerreisst ihn fast, und jetzt muss der Mann gleichzeitig auch noch niesen. Husten und Niesen wechseln
sich jetzt ab, der Mann auf der Bühne bekommt sich nicht mehr unter Kontrolle.

Daraus könnte sich eine grosse komische Nummer entwickeln. Die ersten Zuschauer im Saal begreifen, das dies alles nur ein makabres, vollkommen überzogenes Spiel ist. Eine Horror- Vorstellung der Tröpfcheninfektion wie im berühmten Theatre du Grand Guignol. Vereinzeltes Lachen. Vereinzeltes lautes Lachen im Publikum. Jedes Mal, wenn der Mann etwas sagen will, muß er niesen oder husten, und das Publikum lacht jetzt immer mehr.

"Was für eine widerliche Geschmacklosigkeit, da draußen sterben Menschen - und da draussen riskieren Leute ihr Leben, um uns zu retten“, ruft aber dann ein Zuschauer aus der 7. Reihe, steht auf und verlässt Türen knallend den Saal. Der Rest des Publikums in dem bis auf den letzten Platz ausverkauften Theater lacht aber immer mehr und mehr, lacht befreit, fast schon hysterisch, manche Leute lachen sogar
Tränen - so könnte es zumindest sein. 

Aber so ist es nicht, denn es ist überhaupt kein Publikum da. Der Zuschauerraum ist menschenleer. Die Theater sind geschlossen, in Deutschland und Europa, vielleicht schon bald weltweit. Pandemie.

"Wir befinden alle uns im freien Fall." 


Wenn aber im Parkett aber noch Zuschauer sitzen würden oder könnten, dann würde der Mann, Anfang 50, oben auf der Bühne schließlich sagen: "Ich habe Angst. Ich befinde mich im freien Fall. Und ich habe Angst vor dem Aufschlag. Ich habe so große Angst, daß ich es kaum in Worte fassen kann", und mit diesen Worten würde es still in dem vollen Theater werden, das in Wahrheit wie ausgestorben ist. Niemand lacht mehr.

"Ich befinde mich im freien Fall“, sagt der Mann, der jetzt plötzlich wie ein Stand Up-Comedian im Licht eines einzelnen Scheinwerfers steht, "Wir befinden alle uns im freien Fall." 

An dieser Stelle des Textes breitet der Mann die Arme aus, als ob er vom Himmel stürzen würde - oder das würde der Mann vielleicht tun, wenn dieser Theaterabend wirklich stattfinden könnte, aber das kann er nicht mehr. „Keiner weiß, was kommt“, sagt der Mann im Scheinwerferlicht. „Ich habe keine Einkünfte mehr. Es bricht alles zusammen. Ohne Hilfe halte ich das hier noch 90 Tage durch, und was kommt dann? Und was kommt überhaupt? Was, wenn sie die Stadt zumachen? Was, wenn die Ausgangssperre kommt? Natürlich kommt die Ausgangssperre. Warum ist sie nicht längst da? Was wird aus uns? Und wovon sollen wir leben?“

Die Theater in Deutschland sind offiziell bis nach Ostern geschlossen. Die Zahl der Covid-19-Erkrankten und der unter Beobachtung stehenden Personen wächst weiter exponenziell, was die Vermutung sehr nahe legt, daß die Theater in Deutschland auch noch lange geschlossen bleiben werden. Letzte Meldung: Theatertreffen in Berlin: abgesagt. Und das wäre erst im Mai gewesen, also in zwei Monaten. Alle laufenden Vorstellungen sind abgesagt. Der Vorhang - oder auch „der Lappen“ wie Theaterleute intern den in Wirklichkeit so magischen Stoff nennen, der die Realität des Zuschauerraums von der Magie der Bühne trennt,- bleibt unten, und dabei gilt doch unter Theaterleuten wie im Zirkus wie bei allen anderen darstellenden Künstlern der Welt die eine, einzige Regel: Der Lappen muss hochgehen, The show must go on
- selbst wenn wir gerade vom Seil gefallen sind oder eine Erkältung haben: Wir leben vom Spiel, und keiner von uns kann sich eine Pause leisten. "Freischaffende" Theaterkünstler sind nicht die Leute, die "Rücklagen" schaffen, dafür reicht
das Einkommen nicht. The show must go on. Diese Regel ist nun ausser Kraft gesetzt. Stillstand. No show anymore. Der Albtraum jedes Theatermachers ist eingetreten.
All die vielen "freien" Künstler, all die Menschen, die bisher unabhängig im Schauspiel, im Musik- und Tanztheater oder im Zirkus oder Varieté oder wo auch immer auf und hinter der Bühne ohne Festanstellung gearbeitet haben und von befristeten Gastverträgen und Abendgagen lebten, haben über Nacht ihre Existenzgrundlage verloren und werden sehr, sehr, sehr schnell, bereits innerhalb weniger Wochen auf staatliche Hilfe angewiesen sein. Miete und Krankenversicherung und Telephon müssen weiter bezahlt werden, ganz zu Schweigen von den Einkäufen für die Familie.

Weil das Theater nicht von den Untoten handelt, sondern von den Lebenden...

Anders als im Kino oder in der Prosa ist im Theater für Dystopien eher wenig Platz. Es brechen in Theaterstücken selten Pandemien aus, ganz anders als im Kino. Im Kino
wimmelt es seit jeher von trotteligen Zombies und globalen Virenausbrüchen. Warum hat dieses Genre nicht das Theater erreicht? Weil das Theater nicht von den Untoten handelt, sondern von den Lebenden, von uns, mit all unseren Ängsten
und Hoffnungen und Sehnsüchten. Das Theater ist ein Ort der Freiheit, des Dialogs, der Zusammenkunft. Theater, egal wo, ob in Bamberg oder in Berlin oder in München oder in Wien oder in Würzburg oder in Kiel ist ein Ort, an dem sich das Leben an sich feiert, an dem Menschen sich versammeln, weil dort andere Menschen für sie spielen, weil über die Bühne und den Text die Gesellschaft mit sich selbst in einen Dialog
tritt, etwas teilt, und das ist ist, um es mit einem einfachen Wort zu umreißen, schlicht und einfach groß. Theater - ob im Staatsschauspiel oder in der freien Szene - ist das Gegenteil von Vereinzelung.

Diesen Ort, diese uralte Institution, die ein entscheidender Teil unserer kulturellen Identität ist, haben wir jetzt, bis auf weiteres, verloren.

Dabei schien das Theater doch nahezu unzerstörbar, denn es braucht so gut wie nichts, es braucht kein Dach und keinen Strom, Theater ist im Gegensatz zu Radio, Fernsehen, Film und Internet so etwas wie ein analoger Dinosaurier und Paradiesvogel gleichzeitig, charmant, ruppig, schlecht erzogen, eitel, manchmal aufgeblasen und hohl, bisweilen aber auch erschreckend aufrichtig und ehrlich und notwendig, in
seiner grundsätzlichen Anlage very old school, oft aber auch maßgeblich beteiligt an der permanenten Weitererfindung derModerne.

Theater macht sich schnell unbeliebt, vor allem in Diktaturen, denn im Theater werden Geschichten erzählt - und Geschichten handeln von Veränderung. Theater ist wichtig.
Es ist schwer, ein Theater in einen stromlinienförmigen, große Gewinne abwerfenden Betrieb zu verwandeln. Theater kann Geld erwirtschaften, aber es muß sich als Spiegel der Gesellschaft auch Risiken erlauben dürfen, sonst verkommt es.
 Theater braucht Schutz, und die Leute, die Theater machen, brauchen Schutz, sonst landet die Gesellschaft in der Entertainmentwüste, und genau in diese Wüste schickt uns jetzt Covid-19.

Das Virus übernimmt das Regime, und die Regeln dieses Regimes bedeuten das Ende des Lebens, das wir hierzulande kennen. Das Virus schickt uns nachhause. In die Einsamkeit, wenn nicht sogar in die Quarantäne. Von nun an herrscht Versammlungsverbot.

Trotzdem suchen die Menschen natürlich weiter die Gemeinschaft, und dabei stolpern sie durch das Internet: Wir verfolgen die Nachrichten im Zwanzig-Minuten-Takt. Wir teilen rührende oder bewegende oder lustige oder empörende Dinge auf
Instagram und Facebook: In Krankenhäusern werden Atemmasken und Desinfektionsmittel gestohlen, unter anderem auf einer Kinderkrebsstation. Jemand will bergeweise Klopapier auf einmal kaufen, aber die Kassiererin macht nicht mit. Es fällt das lustige Wort „bekloppt“, lange nicht gehört. Jemand soll 50 Kilo Mehl versucht haben zu kaufen. Hat er auch die Hefe gedacht? Leute stehen in Italien auf Balkonen und machen zusammen Musik. Ganz Madrid applaudiert gleichzeitig abends um zehn dem medizinischen Personal der Stadt. Viele Menschen weinen. Donald Trump will einen - potenziellen - deutschen Impfstoffhersteller mit viel Geld in die USA locken. Und sonst? Kursabsturz, Schliessung der Börse. Flughunde könnten das Virus auf den Menschen übertragen haben. Oder Fledermäuse. Was sind Flughunde? Bram Stoker und H.P. Lovecraft scheinen sich im Jenseits zusammengetan zu haben. Alle wischen an ihren Telefonen herum, und alle warten auf die ersten Anzeichen: Halsweh und Fieber.

football fieldKein Fußball mehr

Kein Fußball mehr. Die Clubs in Berlin geschlossen, das hätte längst passieren müssen. Die Kurve der Infizierten geht nach oben. Die Weltviruskrise verdrängt alle anderen Themen. Gerade hatten wir noch über die Klimakatastrophe und den
mörderischen Rechtsradikalismus in diesem Land gesprochen. Gerade ging es noch um das Massaker in Hanau.

Alle haben Angst, manche mehr, die anderen weniger, manche geben sich trotzig, ironisch, bei anderen geht es bereits um nicht weniger als Leben und Tod. Und alle stehen plötzlich vor dem ganz persönlichen: WAS PASSIERT, WENN. Was passiert, wenn es nichts mehr in den Supermärkten gibt, nein, nein, nein, es besteht kein Grund
zur Sorge, die Versorgungslage ist ungefährdet, die Grundnahrungsmittelversorgung in Deutschland zu 100% gedeckt, Schweinefleisch und Kartoffeln gibts immer und wird es immer geben, kann sein, ja, aber: die Regale im Supermarkt waren gerade ziemlich leer. Das einzige Produkt, das scheinbar selbst im Angesicht der Viruskrise niemand haben will, ist eine bestimmte Sorte von kurzen Eiernudeln. Interessantes Phänomen in Berlin, nördlicher Prenzlauer Berg: je teurer die Supermärkte, desto leerer die Regale. Rewe:leer gekauft. Bei Lidl gibt es alles.

Verarmungsängste sind unter freien Theatermachern absolut nichts ungewöhnliches. Alle machen Notfallpläne, für wenn die "Rücklagen“ nicht mehr reichen. Freiberufler und Selbstständige erhalten kein Arbeitslosengeld. Alle fragen sich: was passiert, wenn das Konto leer ist?

Die Theater sind zu.


Wer kann, soll zuhause bleiben. Vielleicht kommt ja wirklich der Shut-down, so wie in Frankreich, Italien und Spanien. Vermutlich. Ziemlich sicher. Geschlossen steht an den Türen des Lieblingskinos an der Ecke. Die Welt verwandelt sich in ein Archipel der Einsamkeiten. Das Virus schickt uns alle in die Entertainmentwüste der Streaming-Anbieter. Überall vor allem Männer mit Waffen. Ben Affleck und Mark Wahlberg
zerschiessen oder retten gleichzeitig die Welt, nur Jean Luc Picard ist noch netter als er es sowieso schon immer war, ein "Troglodyt“ schneidet mit einem aus Knochen geschnitzten Beil Kurt Russells Bauch auf und steckt einen glühend heißen
Flachmann direkt in seine Leber. Wir müssen auf uns aufpassen, sehr sogar.

Vollkommene Stille im vollen Zuschauerraum. Nur manchmal hüstelt jemand unterdrückt. "Danke“, sagt der Mann in Licht des einzelnen Scheinwerfers
noch zum Publikum, „danke für alles. Es war schön mit Ihnen. Mit Euch. Ich hoffe, wir sehen uns alle bald wieder. Passt gut auf Euch auf.“

Und dann erhebt sich ein wütender, trotziger, Mut machender, das Leben feiernder, solidarischer, großer Applaus, der aber nicht dem Mann auf der Bühne gilt, sondern dem Theater und seinem Publikum an sich. Oder: dann würde sich vielleicht ein wütender, trotziger, das Leben feiernder Applaus erheben, aber in dem in Wahrheit menschenleeren Theater bleibt es still. Und es wird dort auch noch lange still bleiben. Der verzweifelte Mann steht in einem Geistertheater. Niemand ist da.
Nicht einmal er selbst.

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