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Neue Musik 2019
Eine Topologie der Neuen Musik

Musiker des SWR Vokalensembles bei der Generalprobe zu Simon Steen-Andersens TRIO
Musiker des SWR Vokalensembles bei der Generalprobe zu Simon Steen-Andersens TRIO | Foto (Ausschnitt): © Donaueschinger Musiktage 2019 / SWR.de

Ein hervorstechendes Merkmal der Neuen Musik ist ihre Unüberschaubarkeit. Tausende von Akteuren schaffen an hunderten Orten in der Bundesrepublik Deutschland die Neue Musik immerfort neu. Der Versuch eines Überblicks.

Von Frank Hilberg

Festivals – Inseln der Neuen Musik

Ach, wenn es doch eine Landkarte gäbe … Eine Landkarte würde für Überblick sorgen, vielleicht. Wünschenswert wäre sie, denn das Gebiet der Neuen Musik ist von notorischer Unübersichtlichkeit, was zwar schon seit ihrer Erfindung beklagt wird, aber die Lage wird zunehmend komplexer, denn es gibt zunehmend mehr und andere „Neue Musik“. Dazu gleich mehr.
 
Was wirklich für eine Landkarte sprechen würde ist, dass es tatsächlich eine Geografie oder auch Topologie der Neuen Musik in der Bundesrepublik gibt: nämlich mit Blick auf die Festivals. Sie finden an fest umschriebenen Orten statt, haben ihre je eigene Tradition (so jung sie auch sein mag), haben verlässliche Besucherinnen und Besucher und eine verlässliche Wiederkehr der Termine. Vor allem aber umschreiben sie in der Regel: eine eigenständige ästhetische Position.
 
Die Landkarte der Festivals würde dabei vermutlich eher einer Seekarte ähneln. Zwischen großen Gebieten, wo außer Untiefen nichts zu verzeichnen ist, weißen Flecken, zeigen sich verschieden große Inseln – die mächtigste dürfte wohl das Ereignis Donaueschinger Musiktage sein – aber auch, in weiter Streuung, eine Unzahl kleinerer und kleinster Inseln, wobei manche rasch wieder untergehen, doch andere unerwartet auftauchen. Die sogenannte „Szene“ der Neuen Musik ist eigentlich ein Archipel. Wie unterschiedlich die Inseln sind, zeigt sich schon an wenigen Beispielen.
 
Da ist das Festival Neue Musik Rümlingen (strenggenommen in der Schweiz gelegen, aber das Interesse an Neuer Musik ist gewöhnlich grenzüberschreitend), das von jeher die Verbindung von Musik, Aktion und Natur sucht. Wer „Rümlingen“ sagt, wird unter den Kennerinnen und Kennern sofort verstanden. Neu aufgetaucht, erst im zweiten Jahr stehend, hat BAM! Berliner Festival für aktuelles Musiktheater bereits eine Marke auskristallisiert: alle Formen von Text, Performance, Collagen, Multimedia und Räumen; nur keinesfalls: klassisches Bühnengeschehen und Musik im engeren Sinne.

Lokale Musik

Eine andere Art von Insel stellt beispielsweise das Festival NOW! in Essen dar, dass seit zehn Jahren auf der Landkarte zu finden ist, mit starken lokalen Bezügen zur dortigen Folkwang-Hochschule und den Museen und anderen Institutionen. Die Zahl der Uraufführungen ist eher gering, seine Beliebtheit, besonders unter den Heimischen, entspringt mehr der Tatsache, dass die eingeladenen Ensembles und Orchester werthaltige Programme mitbringen. Dies birgt nicht selten Überraschungen. In diesem Jahr war „Transit“ das Thema – und eines der Konzerte – das Ensemble Modern unter dem Dirigat von Enno Poppe – zeigte, dass sich auch mit einem alten Schlachtross wie passage/paysage (1990) von Mathias Spahlinger, einem 45-minütigem Stück, Furore machen lässt – es hat durch seine noch immer neue Form, die eingesetzten Instrumentalverläufe und seine unvergessliche pizzicato-Landschaft problemlos alle anderen Gegenwartsstücke an die Wand gespielt. Wenn doch nur öfter Stücke der (jüngeren) Vergangenheit aus dieser Gewichtsklasse wiederaufgeführt würden …
© Ensemble Modern
Es gibt der Festivals mehrere, die das Konzept des „Best of“ verfolgen, wie etwa die Januar-Veranstaltung Ultraschall in Berlin zu einem Rückblick auf die Highlights der letzten Jahre einlädt, wobei allerdings die zunehmend beschränkten Mittel die Programme auf kleinbesetzte Formationen fokussieren.
 
Jede dieser angesprochenen Inseln wird von bestimmten Spezies bewohnt oder besucht. Es gibt natürlich die Zugvögel, die beispielsweise von Donaueschingen zu den Wittener Tagen für neue Kammermusik ziehen – und Berufsakteure und Berichterstatter sowieso –, aber eben auch viele Kenner und Liebhaber, die ihren Vorlieben folgend auf Reise gehen oder die Veranstaltungen besuchen, einfach weil sie dort wohnen.

Was ist Neue Musik? – die Donaueschinger Musiktage

Nach Jahren der Eruptionen hat sich auf einer der beiden Hauptinseln der Neuen Musik – den Donaueschinger Musiktagen – unter dem amtierenden künstlerischen Leiter Björn Gottstein eine gewisse Beruhigung eingestellt. Nach Jahrgängen mit ausufernden Konzept-Stücken (auch für Orchester) lässt sich der wiedergefundene Mittelpunkt an Alberto Posadas' Poética del espacio exemplarisch zeigen. Es ist ein knapp 90-minütiges Stück, das vom Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling uraufgeführt wurde. Nichts daran ist bahnbrechend neu, aber alles daran ist unikat. Es hat eine eigene, prozesshafte Form, die stetige Verwandlung mit bestechendem Timing verbindet und ist raumgreifend insofern, als zwei Ensembles, die, zunächst an entgegengesetzten Podien des Saales beginnend, durch mehrstufige Wanderungen sich erst am Ende auf der Hauptbühne zusammenschließen. Und so den Raum aus mannigfaltigen Perspektiven bespielten. Die Musikerinnen und Musiker brachten eine Fülle selten zu erlebender Instrumente (Glasharmonika) und ungewohnte Rekombinationen (zum Beispiel Posaunen mit Klarinettenmundstücken gespielt) zu Gehör. Der überwältigende Zuspruch der Anwesenden zeigte, dass Höranstrengung – am geeigneten Gegenstand – wertgeschätzt und nicht etwa abgelehnt wird.

Auch Marc Andre hat mit seinem Stück rwh 1 eine raumgreifende Aufstellung gewählt und die Musiker auf mehrere Inseln in der Donauhalle verteilt. Seine Idee, mit musikalischen Mitteln die „Echographie“ einer Kirche nachzugestalten, wurde plastisch wahrnehmbar und sog die Hörerinnen und Hörer in die vielgestaltigen Verläufe hinein.
Marc André - rwh 1
Bei den „Klanginstallationen“ (ein Begriff, der kaum noch benutzt wird) hingegen ist das Feld weitestgehend den visuellen Akteurinnen und Akteuren überlassen: Sei es bei zu Plattenspielermusik malenden künstlichen Intelligenzen (samt deren Überforderung in Form „technischer Störungen") bei Sound Activated Drawing Machines von Angela Bulloch oder bei Marko Cicilianis Anna & Marie – einem virtuellen Museum mit multimedialen Projektionen, wo die Klanggestaltung alle Kriterien erfüllt, die sich Eric Satie von einer Musique d'ameublement (1920) versprochen hatte. Zwar wurden nicht die lästigen Geräusche beim Gebrauch von Messer und Gabel bei Tische übertönt, aber eben die Lebensgeräusche der herumlaufenden Besucherinnen und Besucher. Hier wie dort spielte Musik eine dröhnende Nebenrolle.
 
Es war dann Simon Steen-Anderson, der in seiner Multimedia-Komposition Trio zeigte, dass Klang und Bild durchschlagende Effekte erreichen können, wenn sie aufeinander bezogen sind, ohne sich bloß zu imitieren. Anderson hatte Bild- und Tonmaterial von den Klangkörpern des Südwestrundfunks (SWR) aus den Archiven gezogen und mit live gespielten Orchesterpassagen brillant collagiert.
 
Die Frage aber, was Neue Musik gegenwärtig ist, wird im Unterschied zu vergangenen Jahren nicht durch Texte und Statements abgehandelt, sondern durch Stücke, bei denen je eigens entschieden werden muss, ob man sie noch zur Sphäre der Musik rechnen will, oder ob sie nicht längst anderen Wahrnehmungsformen zustreben. Diese Frage ist momentan bei allen Festivals virulent und wird durch die Vielzahl der durch die Arbeiten gegebenen Antworten weiter zugespitzt.
Simon Steen-Anderson - TRIO

Neue Namen – die Wittener Tage für neue Kammermusik

Jedes international bekannte Festival für Neue Musik steht unter dem Zwang, einschlägig bekannte Namen und Newcomer in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen. In diesem Jahrgang dominierten bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik die neuen Namen, was einerseits eine Menge bislang unbekannter Akteurinnen und Akteure auf die Bühne, aber eben auch viel ästhetische Unbeholfenheit zu Gehör brachte. Darin besteht nun aber das Risiko von Festivals, die beides bringen wollen, bewährte Qualität und neue Ansätze. Das interpretatorische Niveau aller Darbietungen war, wie in allen Jahren zuvor, über alle Zweifel erhaben.

Unter den „Newcomern“ hat sich Francesca Verunelli mit Flowers #3 (Dripping) für Streichquartett hervorgetan, eine aparte mikrotonale „Verstimmung" der Saiten des Quartetts vorschreibend, die das Klangbild des Werkes maßgebend bestimmte. Und in Mikel Urquizas Alfabet für Sopran, Trompete, Klarinette und Schlagzeug zu einem Text von Inger Christensen brillierten nicht nur die kompositorischen Ideen, sondern auch die fabelhafte Sopranistin Sarah Maria Sun. Es war einer der Momente, wo der Eindruck entstand, dass einem Musiker ein Stück tatsächlich auf den Leib geschrieben war.

Neue Musik und die Medien

Bislang war viel von den Festivals die Rede, weil sie eben auch den Motor der Entwicklung darstellen. Doch sind sie bei weitem nicht die einzigen Institutionen, die für die Neue Musik eine tragende Rolle spielen. Nach wie vor senden die großen Rundfunkhäuser regelmäßig Programme über und mit Neuer Musik, lassen ihre Klangkörper Uraufführungen spielen, erteilen Kompositionsaufträge und machen Mitschnitte von lokalen und internationalen Ereignissen. Alle haben eine Internetpräsenz mit Livestreams, diversen Nachhörangeboten und Mediatheken.
 
Sehr viel schlechter ist es um den Printsektor bestellt. Einige namhafte Zeitschriften haben ihr Erscheinen eingestellt: die Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ) schon 2018; die Schweizer Zeitschrift Dissonance/Dissonanzen hat 2019 aufgegeben; die kleine Zeitschrift Seiltanz ist mit ihrer Internetpräsenz verschwunden. Die Zeitschrift Positionen – Texte zur aktuellen Musik stellt sich nach dreißig Jahren nun unter neuer Redaktion gerade neu auf, vier Hefte sind erschienen und es bleibt abzuwarten, wohin die Reise geht. In den Zeitungen kommt Neue Musik in der Regel nicht mehr oder nur noch sehr sporadisch vor, das ist bei den überregionalen Zeitungen nicht anders als bei den Lokalblättern.
 
Obwohl die Zeit der Schwemme vorbei ist, erscheinen noch regelmäßig CDs mit Neuer Musik bei einer handvoll spezialisierter Labels, wobei es sich, gerade bei größer besetzten Werken, meist um Übernahmen von Rundfunkproduktionen handelt. Da sich weite Teile des Tonträger- und Musikalienhandels aus den Städten ins Internet verlagert haben und die Labels ihre Produkte direkt vermarkten, wächst auch das Angebot an „official downloads“. Nur sehr allmählich wächst der Anteil der Neuen Musik in den Streamingdiensten. Während die populärsten Dienste überwiegend unbrauchbar sind, weil nicht einmal rudimentärste diskographische Informationen bereitgestellt werden, gibt es zunehmend an klassischer Musik orientierte Anbieter mit dementsprechend aufgearbeiteten Datensätzen. Aber selbst bei einem so ambitionierten Service wie idagio.com ist das Angebot vorläufig noch recht überschaubar: Helmut Lachenmann ist immerhin mit 35 Werken von 29 Alben vertreten, Carola Bauckholt aber mit nur vier Werken von drei Alben. Noch sind nur wenige Labels mit ihrem Backup-Katalog vorhanden und nur neuere Aufnahmen berücksichtigt – ob es auch zu Retrodigitalisierung kommen wird, bleibt abzuwarten – , aber wer sich zuallererst einen Überblick über die jüngere Musikgeschichte verschaffen will, findet viel Hörstoff.

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