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Grande Bibliothèque (Bibliotheks- und Staatsarchiv Quebec)
Im Herzen Montreals, eine Kathedrale des Wissens

BAnQ
© Bernard Fougères

In der Ära der Digitalisierung wurde der bevorstehende Tod der öffentlichen Bibliotheken des Öfteren angekündigt. Aber trotz all dieser Umwälzungen haben sie es geschafft sich neu zu erfinden, und der Erfolg und und die Popularität der Grande Bibliothèque in Montreal ist ein gutes Beispiel hierfür.

Lange Zeit hatte Montreal einen Ruf als „Stadt der hundert Kirchtürme“. Die Stadt zählte mehr katholische Kirchen als Bibliotheken – eine logische Konsequenz der damaligen Realität in der Provinz Quebec, in der die Leidenschaft für Religion die für das Lesen bei weitem übertraf. Die Menschen in Quebec hatten lange ein neurotisches Verhältnis zu Wissen. Dazu hat sicherlich auch der langjährige Premierminister Maurice Duplessis (1890-1959) beigetragen, der sich stets damit gerühmt hatte „nie ein Buch gelesen zu haben“. Und stellen Sie sich das Gesicht des amerikanischen Milliardärs Andrew Carnegie vor, als die Stadt Montreal um die Jahrhundertwende seine Spende in Höhe von 500.000 Dollar für den Bau einer dieser Bezeichnung würdigen öffentlichen Bibliothek ablehnte. Die kleine, wohlhabende und mehrheitlich anglophone Stadt Westmount, wie ein Stadtviertel im Herzen der Metropole gelegen, besitzt hingegen seit 1899 eine eigene...

Im Zuge der Stillen Revolution der 1960er Jahre wurden auch das Schulwesen und die Alphabetisierung Gegenstand der öffentlichen Planungen. Bibliotheken spielen in dem Bereich, auch heute noch, eine wesentliche Rolle. Während 1961 knapp 6% der frankophonen Bevölkerung Zugang zu einer Bibliothek hatten, war die Quote 2005 laut INRS (Institut national de la recherche scientifique) auf sensationelle 91,5% gestiegen.

2005 wurde auch die Grande Bibliothèque du Québec eingeweiht. Dieses Ereignis markierte gleichsam die Fusion der dem Parc Lafontaine gegenüber gelegenen Bibliothèque centrale de Montréal, und der über mehrere Standorte in der Stadt verteilten Bibliothèque nationale du Québec. Ein Jahr später schlossen sich die Archives nationales du Québec der Grande bibliothèque du Québec an und bildeten von nun an die Bibliothèque et Archive nationales du Québec, kurz BAnQ.

Was ursprünglich die quebecer Variante der berühmten Staatsbibliothek in Berlin werden sollte, löste bereits 1997 bei der Ankündigung des Baus von der PQ-Regierung unter Lucien Bouchard heftige Diskussionen aus. Der Neubau einer 33.000 Quadratmeter umfassenden und 100 Millionen Dollar teuren neuen Bibliothek rief Erinnerungen an vergangene Skandale wach: Einige nannten es das „Olympiastadion der Kulturszene“ (die ultimative Beleidigung nach dem riesigen Defizit der Olympiade von Montreal im Jahr 1976), andere sahen es als Todesstoß für das ohnehin schon schlecht funktionierende Netzwerk der Montrealer Nachbarschaftsbibliotheken. Und für viele war es eine Laune der ehemaligen Direktorin der Zeitung Le Devoir, Lise Bissonnette, die diese Idee bereits seit Mitte der 90er Jahre, noch bevor sie die erste Geschäftsführerin wurde, in ihren Editorials verteidigte.

Den Zahlen nach zu urteilen, stellten sich diese Befürchtungen als unbegründet heraus. Im Herzen des Quartier latin, des genau zwischen zwei Bildungseinrichtungen und über einer der verkehrsreichsten U-Bahn-Stationen des Netzwerks gelegenen Stadtviertels, wurde die Grande Bibliothèque im Sturm erobert: 35 Millionen Menschen besuchten die Bibliothek seit ihrer Eröffnung, was 7500 Bibliotheksnutzern pro Tag in den Jahren 2017 und 2018 entspricht. Sie haben Zugriff auf 2,3 Millionen Dokumente aller Art (Bücher, DVDs, CDs, Videospiele usw.) aus dem Universalbestand sowie auf 1,3 Million aus der nationalen Sammlung. Die Zusammenfassung der beiden Kollektionen unter einem Dach galt damals als innovatives Modell, von dem sich inzwischen mehrere Länder und Städte haben inspirieren lassen.

Die digitale Herausforderung

Jean-Louis Roy Jean-Louis Roy | © Michel Legendre Vom vierten Stock aus überblickt sein Büro die imposante und helle Eingangshalle der Grande Bibliothèque: Jean-Louis Roy, seit 2018 neuer CEO der BAnQ, richtet seinen Blick in die Zukunft. Nein, neue Technologien haben die traditionellen Medien noch lange nicht eliminiert, „aber wir müssen unser digitales Angebot erweitern, um nicht junge Menschen und Forscherinnen und Forscher an andere Angebote zu verlieren", räumt der ehemalige Geschichtsprofessor der McGill-Universität ein, der einst die Geschicke der Zeitung Le Devoir und der Agence intergouvernementale de la Francophonie (heute Organisation internationale de la Francophonie / Internationale Organisation der Francophonie) geleitet hat.

Die Digitalisierung der Sammluing schreitet gut voran (mit fast 30 Millionen Titel aller Art, von Büchern über Kulturzeitschriften bis hin zu Landkarten), aber die Aufgabe ist noch lange nicht abgeschlossen. „Wir stehen vor denselben Herausforderungen wie alle anderen Kulturinstitutionen", sagt Jean-Louis Roy. „Wie kann man als Bibliothek in der digitalen Zivilisation Fuß fassen? Es handelt sich nicht nur um eine bloße Erweiterung der physischen Bibliothek, sondern um eine andere Welt mit eigenen Regeln und Standards.“

Um sich besser in eine digitale Umwelt einzufügen, bietet die Grande Bibliothèque die verschiedensten Räumlichkeiten und Dienstleistungen an, angefangen bei einem beliebten Internetportal (6,9 Millionen Besuche in den Jahren 2017-2018), interaktiven Angeboten für Kinder bis hin zu Einführungsworkshops zu den vielen Facetten dieses neuen Universums, einschließlich zur unverzichtbaren Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Dies ist eine der Aufgaben von Manon Beauchemin, einer der beiden Leiterinnen des monatlichen Workshops Mardi, c’est Wiki, die auch sonst im täglichen Kontakt mit den Nutzern steht („Eine sehr vielfältige Kundschaft, von Studenten über Neuankömmlinge bis zu Senioren“).
"Wir richten uns an Menschen, die daran interessiert sind, diese Online-Enzyklopädie zu bereichern", sagt die Bibliothekarin. „Die bei uns bereitstehenden Ressourcen versetzen die Nutzer in die Lage, zuverlässige, vertrauenswürdige Quellen beizutragen und fehlerhafte Informationen zu korrigieren. Wir ermutigen die Nutzer, Seiten zu erstellen. Wir wollen Quebec und den frankophonen Teil Kanadas präsentieren - eine langfristige Aufgabe.“  Manon Beauchemin Manon Beauchemin | © André Lavoie

Dennoch behindern die virtuellen Projekte im Netz nicht die geographische Expansion der BAnQ. Seit 2016 gehört auch die imposante Bibliothèque Saint-Sulpice in der Rue Saint-Denis zur Institution. Lange Zeit stellte diese Bibliothek den Kern der Nationalbibliothek dar, wurde dann aber wieder vernachlässigt. Während ursprünglich angedacht war, sie in eine hochmoderne Laborbibliothek umzuwandeln, verzögerten sich die Arbeiten, da für die letzten 3 Millionen Dollar vom insgesamt 24-Millionen Dollar-Projekt nicht genug private Investoren gefunden werden konnten. „Wenn ich nicht gerade in meinem Büro sitze, versuche ich viele Leute für dieses Projekt zu gewinnen“, sagt Jean-Louis. Die Erneuerungen sind eine große technische Herausforderung. "Alles, von den Möbeln bis hin zu den Glasfenstern, ist Teil dieses prächtigen Gebäudes, das im Stil der Beaux Arts von Eugène Payette entworfen 1914 eingeweiht wurde“
Manchmal ein Opfer seines Erfolgs
 
Diese Erweiterung des Flaggschiffs quebecer Bibliotheken, außen vollständig verglast (das Zerbrechen mehrerer Lamellen hatte 2008 Schlagzeilen gemacht), innen mit Holz verkleidet, zeigt eine gewisse Wachstumskrise. Die Digitalisierung hat weder Buch noch Papier bisher endgültig ausgelöscht, und die nationale Sammlung wächst Michèle Lefebvre Michèle Lefebvre | © André Lavoie dank der 1968 eingeführten gesetzlichen Vorschrift, zwei Kopien von jedem in Quebec veröffentlichten Buch zu sammeln. Im Gegensatz zu einer öffentlichen Bibliothek „reduzieren wir hier gar nichts", sagt Michèle Lefebvre, Bibliothekarin am Nationalarchiv. Allerdings ist es unmöglich, in diesem von den Nutzern als „ruhige Ecke“ der Bibliothek sehr geschätzten Bereich alles aufzubewahren. „Wir müssen viele Dokumente an unser Aufbewahrungszentrum schicken, was leider zu Verzögerungen für BibliotheksnutzerInnen und WissenschaftlerInnen führt, wenn diese sie benutzen wollen", bedauert sie, fügt aber philosophisch hinzu: „ Das ist leider die Realität für alle Bibliotheken – es fehlt einfach an Platz“.

Diese Hindernisse taten aber dem Erfolg keinen Abbruch und vereinten eine treue Gefolgschaft in leidenschaftlicher Hingabe an die Institution. Darunter auch der Filmkritiker und Französischlehrer Jean-Philippe Gravel, seit ihrer Eröffnung häufiger Besucher der Bibliothek. Auf der Suche nach neuer Lektüre konsultiert er regelmäßig das Portal, flaniert aber auch gerne zwischen den Regalen oder an den thematisch aufbereiteten Büchertischen („So habe ich den französischen Schriftsteller Philippe Muray entdeckt") umher.

Jean-Philippe Gravel hat die Veränderungen im Laufe der Zeit miterlebt. Er schätzt den Reichtum der Kollektion, einschließlich des digitalen Bestandes und die Leichtigkeit, „das finden zu können, was man sucht“. Aber die steigende Beliebtheit der Bibliothek hat auch Nachteile. Jean-Philippe Gravel bedauert "das Jean-Philippe Gravel Jean-Philippe Gravel | © André Lavoie Verhalten einiger Benutzer, die sich in den Arbeitsbereichen oder am Telefon unterhalten, essen, etc.“. Natürlich kann dies auch ein Zeichen für die ansteckende Begeisterung sein, mit der Tausende von NutzerInnen täglich in die Grande Bibliothèque strömen und dort mit offenen Armen empfangen werden, von einem Personal, das jeder Herausforderung gewachsen zu sein scheint.

Jean-Philippe, bei seinen jährlich hunderten, und insgesamt seit der Eröffnung um die 2000 getätigten Ausleihen, muss nicht mehr überzeugt werden von der Beständigkeit dieser Kathedrale des Wissens, die der Sicherung der intellektuellen Kraft Quebecs dienen soll.

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