Fotografie als Instrument Alte Mauern und das neue Zeitalter der Überwachung

Foto (Ausschnitt): Tong Lam

„Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein”, schrieb einst der deutsche Philosoph Walter Benjamin. Für Benjamin freilich war das keinesfalls ein abstrakter Gedanke. Sein zu früher Tod 1940, nur wenige Monate nach dem Entstehen dieser Zeile, war nur eine der vielen tragischen Geschichten, die in den dunkelsten Zeiten Europas geschrieben wurden. Um Zeuge von solch niederträchtigen Aspekten der menschlichen Vergangenheit zu werden, muss man gar keine Zeitreise unternehmen.

Man kann die finstere Seite der menschlichen Zivilisation auch in Form einer riesigen Zementmauer besichtigen, die stumm auf dem Gipfel eines Berges nur wenige Autostunden außerhalb von Peking steht. Diese Zementmauer, die sich innerhalb einer ehemaligen geheimen Militärbasis befindet, war einst das auffälligste Bauwerk des damals größten langfristig angelegten Radarfelds Asiens während des Kalten Krieges. Das Radarsystem, dessen Radarflächen direkt nach Moskau gerichtet waren, wurde in den Siebzigerjahren erbaut, um mögliche feindliche Schussangriffe der ehemaligen Sowjetunion auszuspionieren, und war mit Mitgliedern der Chinesischen Volksbefreiungsarmee besetzt.

Obwohl diese riesige Mauer nicht weit von den touristenbelagerten Überresten der Chinesischen Mauer steht—selbst ein Mahnmal kultureller Gewalt aus einer anderen Ära—blieb sie noch lange nach ihrer Stilllegung in den frühen Neunzigerjahren ein Mysterium. Die Ruinen dieser Warnradarstation, die ihrer Zeit weit voraus war, erinnert an eine weitere Ruine des Kalten Krieges, siebentausend Kilometer entfernt. Auf einem Hügel namens Teufelsberg am westlichen Rand Berlins steht die ehemalige Abhörstation der National Security Agency (NSA) aus den Sechzigerjahren, die von der Army Security Agency der USA betrieben wurde. Hauptaufgabe dieses amerikanischen Außenpostens war es, die Radiosignale jeglicher militärischer Aktionen der Sowjetunion und des Ostblocks zu überwachen.

Diese beiden Ruinenstätten, Welten voneinander entfernt, zeugen davon, dass die menschliche Geschichte der Angst und des Verfolgungswahns kultur- und staatsübergreifend ist. Damit erinnern sie uns daran, dass der Kalte Krieg nicht etwa nur eine oberflächliche Rivalität zwischen Osten und Westen war. So halten sie uns außerdem vor Augen, dass der Kalte Krieg entscheidend für die Entwicklung der modernen Informationstechnologie war, die drastische Auswirkungen auf unsere heutige Welt hat.

Wenngleich die alten Feindseligkeiten des Kalten Krieges heute beigelegt sind, werden neue Spannungen doch immer stärker spürbar. Anders gesagt darf der Fall der Berliner Mauer 1989 keineswegs als Ende der Geschichte gesehen werden; vielmehr hat jenes Ereignis neue Wellen der Gewalt, Bedrohung und Ausbeutung hervorgebracht. In einer noch stärker politisch und sozial gespaltenen Welt ist es oft die Angst vor den Schwächeren, den religiösen Minderheiten und den Flüchtlingen, und nicht grosse, kriegswütige Staaten, die uns immer argwöhnischer und ängstlicher macht. Besonders die Bedrohung durch den Terrorismus—ob real oder eingebildet—autorisiert ein ausgefeiltes Überwachungs- und Sicherheitsregime, das es so noch nie gegeben hat. Dazu kommt, dass in einer globalen Wirtschaft, die keine Grenzen mehr kennt, der neoliberale Staat und die großen Unternehmen eine schier unstillbare Gier nach detaillierter Information über unser Leben haben. Auch wenn die moderne Staatsform danach strebt, sich weitgehend aus sozialen Programmen und wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen herauszuhalten, sind Staat und staatsübergreifende Korporationen in Wahrheit aggressiver denn je darin, die Bevölkerung überwachen zu lassen. Und die Technologien, mit denen sie unsere Daten sammeln, bestehen nicht mehr nur aus Radarsystemen und Satelliten, sondern auch aus sozialen Medien und den Produkten, die wir täglich konsumieren.

Ironischerweise war es das kürzlich von Edward Snowden aufgedeckte invasive Überwachungsprogramm des NSA, das der abgestellten und längst vergessenen Spionagestation in Teufelsberg erneut öffentliche Aufmerksamkeit brachte. Sie ist inzwischen eine beliebte Besichtigungsstätte für eine morbide Art des Tourismus in Berlin geworden. Aber in wieweit lassen sich die Geheimnisse des Kalten Krieges wirklich aufklären, indem wir jene Abhör- und Radarstationen in Berlin bzw. Peking in Betracht ziehen? Was können uns die Ruinen der alten Überwachungsbauten über das neue Zeitalter der Datenmassen und der unbegrenzten Informationsflut lehren?

Dies führt uns zurück zu Walter Benjamin, der auch über den “Flaneur” schrieb, und ihn als eine Art Erforscher und Kenner der Straße beschrieb. Der moderne Fotograf ist ebenfalls ein solch leidenschaftlicher Beobachter. In dieser Hinsicht kann uns die Fotografie—die selbst eine Technologie der Überwachung ist—als ein wichtiges Instrument dienen, um die geschichtlichen Überreste unserer Zivilisation zu untersuchen. Fotos von diesen Überbleibseln der Geschichte liefern zwar nicht genug Kontext, um die Geheimnisse der Überwachungsstaaten vollständig zu lüften, aber sie bieten doch visuelle Hinweise und schärfen unser politisches Bewusstsein. Kurz, trotz dem extrem ungleichen Kräfteverhältnis und dem enormen Unterschied an Informationszugang zwischen Staat und Bürgern kann die Fotografie zum Mittel der “Gegen-Überwachung” werden. Und vielleicht ist es möglich, dass wir gerade durch die Risse in diesen Ruinen die eindringlichen Klänge menschlicher Tragödien und Leiden hören, sowohl die der Vergangenheit als auch die der Gegenwart.
 

Das Goethe-Institut Toronto präsentiert im Frühjahr 2016 Tong Lams Fotopräsentation "Unseen, To Be Seen" als Teil des Scotiabank CONTACT Photography Festivals und im Gespräch am 6. Mai.