Move On Toronto
Konferenz zur Medienkunst (Zusammenfassung)

Scott Miller Berry, Images Festiva, Toronto; Heather Keung, Images Festival, Toronto; Peter Zorn, Werkleitz, Halle/Saale
Scott Miller Berry, Images Festiva, Toronto; Heather Keung, Images Festival, Toronto; Peter Zorn, Werkleitz, Halle/Saale | Foto: Goethe-Institut Toronto / Anne Lenhardt

„Move On“ ist der Titel einer bedeutenden Medienkunst-Initiative, die über zwei Jahre läuft und drei Kontinente umspannt. Organisiert wird sie von EMARE (European Media Art Residency Exchange), dem Goethe-Institut und mehreren Kunstinstitutionen auf der ganzen Welt. Nachdem zwei Drittel des Artist-in-Residence-Programms realisiert worden waren, wurde Bilanz gezogen, und das Goethe-Institut veranstaltete eine Medienkunst-Sonderveranstaltung auf der Visible Evidence 22 Konferenz zum Thema dokumentarische Medien. Ein Nachmittag mit Diskussionen über multinationale Künstlerresidenzen, an dem internationale Künstler, Kuratoren und Veranstalter ihre Erfahrungen mit „Move On“ wiedergaben.

Initiiert vom European Media Art Network, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und Partnern in Australien und Kanada, und mit der Unterstützung durch das European Commission Culture Programme, wurden in den Jahren 2014-15 durch neunzehn Künstleraufenthalte neue Werke in Australien, Kanada, England, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden geschaffen. Der Direktor von FACT Liverpool, Mike Stubbs, berichtete, was er von der Konferenz in Toronto mitgenommen hat.

Dadurch, dass es gelungen ist, einige Teilnehmer des diesjährigen EMARE (European Media Art Residency Exchange) Programms zusammen zu bringen, ergab sich die Möglichkeit, einem öffentlichen Publikum die Herausforderungen und Problematiken von internationalen Künstleraufenthalten im Allgemeinen und den enormen Erfolg von EMARE zu vermitteln.

Peter Zorn erzählte uns die Geschichte und die ursprüngliche Intention, mit der er vor zwanzig Jahren den ersten Anstoß machte. Wir erfuhren, wie wichtig es war, die zunächst isolierte Werkleitz-Gesellschaft in Sachsen-Anhalt mit anderen internationalen Organisationen und Künstlern, die mit bewegten Bildern und Technologie arbeiten, zusammen zu bringen.

Couch-Surfing, Partys und Techno-Begeisterung zeichneten die frühen Tage aus. Es war klar, dass persönlicher Antrieb, Engagement und Vertrauen zwischen den Partnern ein Wachstum und Fortdauern ermöglichten, selbst wenn Fördergelder rar waren oder ganz fehlten. Der Erfolg sprach sich herum, und es zeichnete sich klar ab, dass von Seiten der Künstler Interesse und Bedarf an neuen Möglichkeiten bestand. Ein Interesse an Highspeed-Internetverbindung (ISDN) und die Innovation des nicht-linearen Videoschnitts schürte außerdem eine der ersten Partnerschaften zwischen Werkleitz und Hull Time Based Arts.

Es entwickelte sich eine großartige Zusammenarbeit, die anhand eines erprobten Netzwerkes stetig anwuchs, zu einer Struktur mit Qualitätsmaßstäben und Leitsätzen, um zu einer der weltweit am längsten bestehenden Künstlerresidenz-Austausch-Programmen zu werden: international verbreitet durch ein Netzwerk in vielen Ländern, beheimatet es insgesamt über 150 Künstlerresidenzen. Peters Bericht deutete die Fluktuation der Organisationen an, die je nach Möglichkeit an dem Programm teilnahmen oder wieder ausstiegen, sowie den Aufbau von Partnerschaften mit nicht-europäischen Organisationen während der vergangenen Jahre. Diese Ausweitung wurde durch die Förderung von Seiten der EU ermöglicht und betrifft Organisationen wie CMM, Mexico City, Experimenta, Melbourne, Oboro, Montreal und das Images Festival, Toronto.

Heather Keung, die neue Direktorin von Images, brachte wichtige Punkte in die Diskussion ein: wie geht man am besten mit der Verantwortung und der Pflicht zur Betreuung der manchmal recht jungen, „fremden“ Künstler um, die zwei Monate in unserer Stadt verbringen werden?

Was bedeutet es, ein guter Gastgeber zu sein, wie kann man Leute schnell in eine Szene einbinden (wobei zu berücksichtigen ist, dass Künstler auch selbständig Verbindungen aufbauen und sich normalerweise leicht mit anderen ihrer Gemeinschaft zusammentun)?

Wir beobachteten außerdem eine gewisse Vorsicht, wenn es darum ging, die Einwirkung der Künstleraustauschstipendien auf unsere eigenen Organisationen und deren Personal zu beurteilen, besonders bei denjenigen mit kleineren Teams. Und was passiert, wenn etwas schief geht? Wir erfuhren von der großartigen Möglichkeit der Koproduktionen, was es bedeutet, neue Werke von Künstlern in Auftrag zu geben, und dem Internationalismus, der damit für uns verbunden ist.

Daniel Cockburn erzählte davon, wie seine ganz persönlichen Lebensumstände dazu geführt hatten, dass er während seines Aufenthaltes mit Impakt in Utrecht eine eher zurückgezogene Existenz bevorzugte, und wie einfühlsam die Menschen dort darauf reagiert hatten. Matthias Jud gab uns einen Überblick über ein neues Projekt, das er während seines Aufenthaltes zusammen mit Christopher Wachtler bei QUT in Brisbane realisiert hat – ein Projekt, das unter vielen Aspekten eine Herausforderung für die Veranstalter darstellte, sowohl in technischer als auch in politischer Hinsicht. Matthias berichtete von der Erfahrung, sich mit dem australischen Einwanderungsgesetz auseinandersetzen zu müssen, und wie er Zugang zu Internierungslagern erlangte (BITA, außerhalb von Brisbane). Dies war Teil des Prozesses, der nötig war, um eine Beziehung zu den Gefangenen aufzubauen – die wiederum bei der Abschlussausstellung live zu den Besuchern im Block des QUT geschaltet werden sollten.

Ein außerordentliches Projekt, bei dem die Fantasie des Publikums offenbar auf besondere Weise angeregt wird, da sie die Gefangenen direkt über Telefon hören. Bei der Realisierung dieses Werkes galt es, Protokolle zu studieren, und einige Grundgesetze (wenn auch verborgene), die es den Gefangenen erlauben, Besucher zu empfangen – Kunst als Prozess also, ebenso wie als Produkt. In der Not derjenigen, die (im Lager) auf ihre Aufenthaltsgenehmigung warten, spiegelt sich natürlich ebenso unsere aktuelle Situation wider, in der ganze Völker in Massenwanderungen aus den Kriegsgebieten fliehen. Sicherlich stellen diese Situationen aus der realen Welt einen Beweis dafür da, wie wertvoll für uns Künstler sind, die für kulturellen Austausch Pionierarbeit leisten, und wie die Existenz einer grenzfreien Welt immer wichtiger wird.

Mobilität, Akzeptanz des Anderen, zu lernen, ein guter Gastgeber und, umgekehrt, auch ein guter Gast zu sein: dies alles zeigt den wahren Wert eines Künstlerresidenz-Austausches, der dazu dient, Künstlern ein Umfeld zu schaffen, in denen sie sich leisten können, Risiken einzugehen – und uns daran zu erinnern, welch unglaubliche Wirkung und Einfluss Künstler außerhalb unserer üblichen Kreise und Gemeinschaften schaffen.
 

Falls Sie Interesse haben, die Abschlussarbeiten der Künstlerresidenzen zu sehen, besuchen Sie uns in Halle, Deutschland, beim Move On Festival vom 9.-11.Oktober. Dort wird eine Ausstellung der MOVE ON Projekte, sowie eine Abschlusskonferenz stattfinden.