Schriftsteller Mathieu Leroux Lost in Berlin

| Foto (Ausschnitt): Mathieu Leroux

Ausgezeichnet mit einem Stipendium des Goethe-Instituts für einen einmonatigen Aufenthalt in Deutschland an einem Institut seiner Wahl, hat sich der Montrealer Schriftsteller Mathieu Leroux für Berlin entschieden. „Lost in Berlin“ oder Eindrücke von seinem erlebnisreichen Aufenthalt.

Berlin. 
Zum Schreiben. 
Drei Monate lang. 
Berlin intensiv erleben.

Die Stadt entdecken, sie hinterfragen, sie verschlingen. Mir alles von ihr einverleiben, auch wenn sie mich zu schlucken droht. Alles sehen, alles mitnehmen. Bis zum Anschlag. Im Schnelldurchlauf. Theater, Tanz, Konzerte, Lesungen, Vernissagen, Filme, Museen, Galerien, Performances, Bars, night-clubs. 
First we take Manhattan, then we take Berlin.1

Laufen. Fotografieren. Nachdenken. Eine Orgie stimulierender Orte; ausschweifende Trinkgelage, die den Durst nicht löschen.

Die Ortea : Schaubühne, Volksbühne, Berliner Ensemble, Gorki, Komische Oper, Sophiensaele, Hau, Radialsystem, Lido, Huxley’s, Heimathafen, Columbiahalle, Kesselhaus, Arena, O2, Tempelhof, Beelitz, Bernauer Straße, Mauerpark, Checkpoint Charlie, KW, KOW, ME, Deutsches Historisches Museum, Bauhaus-Archiv, Martin-Gropius-Bau, Hamburger Bahnhof, Neue Nationalgalerie, Künstlerhaus Bethanien, Museum für Fotografie, Museum für Film und Fernsehen, Memorial to the Murdered Jews of Europe, Jüdisches Museum Berlin, Schwules Museum, Moviemento, Kino International, Santa Maria, Filmkunstbar, Privatclub, Neues Ufer, Himmelreich, Möbel Olfe, OHM, Berghain.

Laufen. Schreiben. Mich verlieren. Die ganze Zeit. Die Größe dieser Stadt ist zugleich berauschend und bedrückend. Es ist, als könnte man sie einfach nicht begreifen.

Die Wohnungen in Charlottenburg. 
Die Galerien in Mitte. 
Die venues in Friedrichshain. 
Die Cafés in Prenzlauer Berg. 
Die bookstores in Schöneberg. 
Die kleinen Lokale in Neukölln. 
Die Besucher im Tiergarten. 
Das allgemeine Chaos in Kreuzberg. 
Die Kneipen, die Bars, die flea markets. Überall in der Stadt. 

Laufen. Sehen/spüren. Tanzen. Bis der Körper sich verflüssigt. 

Die Veranstaltungenb : MDF Berlin, Berlin Art Week, Berlin Festival, Porn Festival; Twin Shadow, Editors, The Acid, Austra, Zoot Woman, Karen O, Pharell, Gaga, Azealia Banks, We Have Band, WhoMadeWho, SOHN, London Grammar, FKA Twigs, The Knife; Ostermeier, Ronen, Waltz, Nübling, Richter, Forced Entertainment, Pasolini, Bowie, Goicolea, Newton, Barney, Leydik, Trecartin, Wasmuht, Moholy-Nagy. 

Jeden Abend gibt es 652.355 Veranstaltungen, unzählige Orte und Leute, die man treffen kann. Man hat ständig den Eindruck, etwas zu verpassen. Ich bin ein gieriger Konsument, mein Geist und mein Körper jubilieren, wenn ich an Kunst, Kultur und Musik denke, und Berlin besteht aus nichts anderem als Kunst, Kultur und Musik. Das verstörende Gefühl, hier zu Hause zu sein, weil alles so vertraut scheint, und zugleich das betäubende Gefühl, ein Betrüger zu sein, der nicht dazugehört. Ich halte mich fest, so gut es geht, will eintauchen in diese seltsame Gemengelage. „Berlin suits you well, you totally blend in here. And you really are making the most of it. It’s actually impressive.” Warum habe ich nur dauernd das Gefühl, dass die Stadt mich ausspuckt ...

Keine Spur hinterlassen. Ich bin nur ein Wind, der über die Stand hinwegfegt. 
Stop. Now, let’s go again. Go, don’t stop again. No, I don’t want to be alone.2

Laufen. Diskutieren. Feiern. Den Sonnenaufgang anschauen, unzählige Male. Nichts versäumen. 

Die Freundec : Mariano, Victoria, Marwan, Thames, Marina, Jean-Charles, Grashina, Fabian, Dennis, Asa, Malte, Alex, Birte, Jennifer, Mattias, Henrik. 
Die Besucher: Angie, LK, 2N, Dominique, Sophie, Marie-Ève. 

Laufen. Arbeiten. Wie ein Besessener. Bis ich wahnsinnig werden. Vom Computer erst aufgesogen, dann in die Stadt hinauskatapultiert, bis sie mich ausspuckt und mich wieder an den Computer fesselt. Ich weiß nicht, ob ich ignorieren soll, was in der Stadt los ist, um mit der Arbeit voranzukommen, oder ob ich Berlin mit Haut und Haaren verschlingen soll.

Der Rhythmus dieser Stadt ist mir ein Rätsel. Die frenetische Rastlosigkeit, das unglaubliche Überangebot, der nicht abreißende Strom von Aktivitäten – Berlin is always open. It never shuts down –, aber die Leute wirken ruhig, chill, fast schon gleichgültig. Niemand hat es eilig, niemand rennt, die U-Bahn ist nicht überfüllt, es ist immer genug Platz, nirgends hat man das Gefühl zu ersticken oder überrannt zu werden. Außer dort, wo Touristen einfallen. 

Berlin atmet trotz seiner Größe. Oder gerade deswegen.

Had to get the train from Potsdamer Platz. You never knew that, that I could do that. Just walking the dead.3 

______________________

Zurückkommen. 
Verloren, desorientiert, ausgelaugt. Das Gefühl, nichts getan, nichts gesehen und nicht gelebt, nichts geschrieben und nichts hinterlassen zu haben. 
Dabei stimmt das nicht.

Berlin, du hast mich bei lebendigem Leib verschlugen. 

Aber ich habe immer noch Hunger.
 

Schriftsteller, Regisseur und Komödiant, Mathieux Leroux ist Absolvent der „École Supérieure de Théatre" der Université de Québec à Montréal. Als Mitgründer des Theaterensemble Les Néos hat er innerhalb von fünf Jahren hunderte von kurzen Stücken verfasst und aufgeführt, zudem ist er für die künstlerische Leitung der Gruppe zuständig. Er hat das Solo Spektakel La naissance de Superman geschrieben; sein letztes Stück Scrap beendete die Saison des Espace Libre 2012.

Er hat für Helen Simard und Champion getanzt und ist acht Jahre lang für das Théatre Sans Fil aufgetreten.

Mathieu Leroux hat zudem einen Master in französischer Literatur an der Universität von Montréal (2011) absolviert. 

Bibliografie 
(B)rut, Ouvrir le clandestin, Neige-galerie, 2015
DD BY, Sortez-moi de moi, L’instant même, 2015
Rocks in the Pocket, Rue Bernard, Flaneur Magazine, 2014
Dans la cage, Héliotrope, 2013

Notes
a, b, c: auf Deutsch im Original
1. First We Take Manhattan, Leonard Cohen, 1988
2. Dancing in Berlin, Berlin, 1987
3. Where Are We Now, David Bowie, 2013