SummerWorks Interview mit dem künstlerischen Leiter Michael Rubenfeld

Michael Rubenfeld & Mehdi Moradpour
Michael Rubenfeld & Mehdi Moradpour | Michael Rubenfeld, Foto: John Rieti / Mehdi Moradpour, Foto: Neda Navaee

Der deutsche Autor und Dolmetscher/Übersetzer Mehdi Moradpour sprach mit Michael Rubenfeld, dem Künstlerischen Leiter von SummerWorks, Kanadas größtem kuratierten Performance-Festival für Theater, Tanz, Musik und Live-Kunst.

SummerWorks wurde 1991 von einer Gruppe von fünf Künstlern gegründet. Das Festival war zunächst als eine Art Fringe-Festival zu verstehen und entwickelte sich nach und nach zu Kandas größtem kuratierten Festival für zeitgenössische Performance. Zum 25-jährigen Jubiläum im August 2015 war ein opulentes, 11-tägiges Programm geboten. Unter welchem künstlerischen Gesichtspunkt haben Sie und Ihr Team die Leute zusammengebracht?

Als ich im Jahr 2008 zum Künstlerischen Leiter wurde, war das Festival zunächst hauptsächlich auf Theater ausgerichtet. Eine Kultur ist lebendiger, wenn sie facettenreich und multi-disziplinär ist, daher habe ich das Festival in meinen acht Jahren zu einem Multi-Arts-Festival weiterentwickelt, das Musik, Tanz und Live-Kunst ebenso umfasst wie Theater.

Auch wenn sowohl Musik als auch Theater live vor einem Publikum gespielt wird, ist die Erfahrung bei einer Musik-Show doch erheblich anders im Vergleich zu einer Theater-Performance. Ich fing an, Theaterschaffende mit Musikern zu kombinieren, um zu sehen, was dabei entstehen würde. An dieser Stelle begann es, wirklich interessant zu werden, und die Performances fühlten sich wirklich innovativ an. Gleichzeitig startete ich die “Live Art Series”, speziell für Arbeiten, die speziell einen Raum für die besonderen Beziehungen zwischen Publikum und Performer bieten. Live Art ist ein Begriff, der aus Großbritannien kommt, und dazu dient, die Künstler von den Zwängen der einzelnen Genres zu befreien. 2015 fing ich eine Tanz-Serie an, denn, obwohl wir oft Tanz im Programm hatten, war es mir wichtig, dass die Tänzer die Möglichkeit erhielten, sich selbst zu definieren, anstatt unter Live Art oder dem Theater-Banner präsentiert zu werden.

Einer der Workshops, an dem ich teilgenommen habe, hieß “What the Hell is Out There?” (“Was zum Teufel ist dort draußen los?”) und konzentrierte sich auf diverse Theaterformen außerhalb Nordamerikas. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen SummerWorks und der europäischen/deutschen Theaterszene?

In der europäischen Theaterszene nimmt der Regisseur oft die entscheidende Rolle ein. In Toronto und Kanada haben wir zumeist Autorentheater. Anspruchsvolle Regiekonzepte um den Text eines Dramatikers herum zu bauen ist in Kanada nicht so verbreitet wie in Europa und ist zum Teil verpönt bei der Branche, die sehr großen Wert darauf legt, dass der Text des Autors in Ehren gehalten wird. Leider bedeutet das oft, dass wir es viel mit Werken zu tun haben, die sich stark ähneln und sehr traditionell erscheinen. In Torontos Tanzszene sind die Arbeiten mutiger, und auch Montreal besitzt eine außergewöhnliche Tanzkultur. Im Theater ist das oft schwieriger auf Grund der sprachlichen Barrieren; in Montreal herrscht oft die französische Sprache vor, in Toronto die englische. Natürlich gibt es vereinzelte Künstler, die versuchen, innovativ zu sein, und für diese ist SummerWorks die richtige Plattform.

Die deutsche Szene zieht Gewinn aus neuen Formen des Schaffensprozesses und der Produktion, Installationen, Aktionen im städtischen Raum, Recherche- und Doku-Theater. Auf der anderen Seite werden Autoren und deren sprachliche Ausdrucksformen oder politische Positionen immer präsenter. Was sind die Positionen des Theaters in Kanada? Worin liegen die Hindernisse und die Möglichkeiten für Dramatiker?

Ein Hindernis ist die Tatsache, dass es nicht viele Theater gibt, die neue Stücke präsentieren. Es gibt wenige Stätten, die das Schreiben ambitionierter neuer Stücke unterstützen, und diese wiederum haben nicht genug Geld, um groß angelegte, visionäre Arbeiten zu fördern. In Deutschland stehen mehr Gelder vom Staat zur Verfügung, um große Besetzungen zu engagieren und große Produktionen zu unterstützen. Dies ermutigt Autoren und ermöglicht es ihnen sowie Regisseuren, epische Performances zu schaffen, die so in Kanada nur selten machbar sind.

Ich glaube, der solideste Weg für Autoren ist der, so früh wie möglich ehrgeizig zu sein. Ein junger Torontoer Künstler, Jordan Tannahill,, hat sich als sehr geschickt darin erwiesen, seinen eigenen Weg herauszufinden und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, in dem er seine Arbeiten mehrfach bei SummerWorks gezeigt hat, außerdem eine eigene Spielstätte eröffnet und ein Buch geschrieben hat. Jetzt arbeiten alle großen Theater mit ihm.

In Deutschland hat die Suche nach neuen Ästhetiken und thematischen Impulsen in den letzten Jahren den Diskurs in Richtung einer sogenannten “Post-Migranten-Kultur” gebracht, die die deutschsprachige Theaterwelt verändert hat. 
Ziel dabei ist eine faire Repräsentation der Arbeit des Künstlers, sowie der Versuch, kritische Fragen über Inklusion und Sensibilisierung in der Theaterlandschaft aufkommen zu lassen. Gibt es in Toronto etwas Ähnliches?


Toronto ist eine der facettenreichsten und multi-kulturellsten Orte der Welt. Ich glaube, um der Kultur seine Relevanz zu sichern, muss sie repräsentativ für die Einwohner der jeweiligen Stadt sein. Es gibt mehr und mehr Aktionen, die speziell darauf ausgerichtet sind, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu ermutigen, das Theater als einen Ort zu begreifen, wo sie ihre Geschichten erforschen können. Es ist unsere Verantwortung, dafür zu sorgen, dass unsere Geschichte von mehreren Perspektiven aus erzählt wird, und wir dabei auch das Volk unserer Ureinwohner zu Wort kommen lassen und unsere Kolonialgeschichte mit einbeziehen.

Nachdem Sie mehrere europäische Festival besucht haben, welche Theaterästhetiken sind Ihnen aufgefallen?

Es gibt sehr viel konzeptionelles Theater und solches, das die Regie in den Vordergrund stellt; es gibt Autorschaft und Kompanien mit Regisseuren, die auch als „Schöpfer“ definiert werden. Es gibt Kompanien, die regelmäßig zusammenarbeiten und dabei ein Repertoire und eine eigene Sprache des Schaffens entwickeln, außerdem viele visuelle Künstler, die sämtliche Regeln durchbrechen und vielleicht sogar interessantere Arbeiten hervorbringen als all die ausgebildeten Theatermacher. Zudem sind die meisten internationalen Festivalkuratoren nicht an Theaterstücken im traditionellen Sinn interessiert.

Zumindest in Deutschland findet zur gleichen Zeit auch eine intensive Diskussion über „Liveness“ in Mainstream-Performances statt. Hier macht sich der Einfluss von Marktstrategien und Konkurrenzdenken bemerkbar. Muss das Theater seine erzählerischen Strukturen überwinden oder erneuern?

Wir sollten stets versuchen, die Strukturen zu erneuern – Theater ist der ideale Ort, um Möglichkeiten einer Erneuerung auszuloten. Die Gesellschaft verhandelt kontinuierlich systemische Zeichen, und in dem Theater die Strukturen erneuert, kann es einen bestimmten Blick in die Realität auftun – der uns klar macht, dass die Realität viel flexibler ist, als die meisten erkennen.

Sie haben einmal geschrieben, „Kunst ist ein Antidotum gegen Nihilismus. Theater ist ein Laboratorium für ästhetische und soziale Erfahrungen.“ Wie stellen Sie als Künstler sich sozialen Einfluss vor? Wie kann Theater die Zukunft verändern?

Kunst ist der Raum, in dem wir Zugang zu unserem Menschsein haben. Die meiste Information erhalten wir durch den Filter der Politik and der Medien (meistens beides gleichzeitig), aber nur selten wird man dort Humanität vorfinden. Man trifft sie bei realen Menschen an, die über reale Dinge sprechen und sich mit dem Menschsein beschäftigen, was auch heißt, mit der Sterblichkeit. Zu leben ist etwas sehr Komplexes, und damit umzugehen kann eine sehr schmerzliche oder auch eine wunderbare Erfahrung sein. Es ist die Kunst, die uns dazu ermutigt, die Komplexität unserer Existenz anzunehmen - was uns auch erlaubt, darin zu schwelgen.